Wahlkampfdoku im ZDF "Macht ist geil"

Warum geht jemand in die Politik? Im ZDF-Film "Die Getriebenen" antworten alte Hasen wie Gregor Gysi und Peter Harry Carstensen, aber auch junge Politiker wie Christopher Lauer. Daraus ergibt sich über Parteigrenzen hinweg ein verstörendes Bild.

Von Ralf Wiegand

Jetzt schreien sie es wieder von den Laternenpfählen, "Wählt mich!", all die wohl frisierten, gesund retuschierten Plakatgesichter. All die Bewerber für einen Platz im Bundestag, die beiden, die ins Kanzleramt wollen, amtierende Ministerinnen und mögliche neue Fraktionsvorsitzende. All die Kandidaten für irgendwas.

Gemeinderatsmitglieder, Landräte, Europa-Parlamentarier, Bundestagsabgeordnete: Eine Menge Menschen, mehr als 100.000 in diesem Land, haben irgendein politisches Mandat, nennen sich in der Freizeit, im Nebenjob oder hauptberuflich Politiker. Das ist in Teilen einer sich entpolitisierenden Gesellschaft ein Schimpfwort. Politikersein desillusioniert, frisst Zeit auf, lässt kaum Platz für Privates, macht krank. Und süchtig. Warum also?

Fatale Neigung zur Selbstaufgabe

"Macht ist geil", sagt Peter Harry Carstensen. Der ehemalige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein ist einer von zehn Politikern, die in dem ZDF-Film Die Getriebenen zu Wort kommen. Andreas Huppert, Stefan Leifert und Thomas Walde haben Interviews geführt und die geäußerten Gedanken der Befragten aneinander geschnitten. Profis wie Gregor Gysi oder Peter Altmaier, alte Hasen wie Hans-Christian Ströbele oder junge Piraten wie Christopher Lauer aus dem Berliner Abgeordnetenhaus, Frau Hoff von der FDP oder Herr Kahrs von der SPD - sie alle liefern über alle Parteigrenzen hinweg ein verstörend geschlossenes Bild einer politischen Klasse, die eine fatale Neigung zur Selbstaufgabe hat.

Der Abgeordnete Peter Danckert macht auch nach dem dritten Schlaganfall weiter. Sie lassen sich von der Idee anfixen, etwas gestalten zu können, und müssen dann erkennen: "Da geht es nicht mehr um einen Kampf der besten Ideen oder irgendwelcher Konzepte, sondern da geht's dann wirklich am Ende des Tages darum, die Leute blöd dastehen zu lassen." Sagt Christopher Lauer, der Pirat.

Leider ist der Film im Wahlkampf entstanden, weswegen man sehr genau hinhören muss. Sind das alles selbstlose Ritter, die fürs Gemeinwohl Hörsturz, Zusammenbruch, Schlaganfall und Rücktritt riskieren - wie Brandenburgs Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck, der dennoch 2014 wieder in den Landtag will? Oder hat die 35-jährige Dorothee Bär, stellvertretende CSU-Generalsekretärin, tatsächlich "24 Stunden das Gefühl, etwas tun zu müssen"?

Am liebsten würde man nach diesen 30 Minuten all diesen Menschen, diesen Politikern, einen Gefallen tun und sie abwählen. Aber das würde ja auch nicht helfen. Hans-Christian Ströbele, 74 und seit 1985 für die Grünen im Bundestag, sagt, er habe im Ruhestand eigentlich auf dem Land leben wollen, mit Tieren: "Heute weiß ich, das wird selbst dann, wenn ich nicht mehr im Bundestag bin, nicht klappen." Er kandidiert wieder.

Die Getriebenen, ZDF, Nacht vom Freitag auf Samstag, 0 Uhr.