Wahlkampf in den US-Medien Jäger des verlogenen Satzes

Für den Wahlsieg ist Obama und Romney nahezu jedes Mittel recht. Auch das Verbreiten von Unwahrheiten. Die Fact-Checker, die jede Aussage der Kandidaten in den US-Medien prüfen, bereiten sich auf ihre schwerste Aufgabe vor: die TV-Debatten.

Von Matthias Kolb

Zuhörer bei einem Auftritt von Obama in Virginia Beach am 27. September - einige Amerikaner prüfen jedes Wort und jede Behauptung im Wahlkampf nach.

(Foto: AFP)

Die Gelegenheit, einen guten Eindruck zu hinterlassen, war günstig. Im April hielt Mitt Romney, der amerikanische Präsidentschaftskandidat der Republikaner, eine Rede bei der Jahrestagung der American Association of News Editors in Washington. Vor 1500 Journalisten attackierte Romney den amtierenden Präsidenten: Barack Obama habe sein Versprechen gebrochen, die Arbeitslosenquote unter acht Prozent zu bringen, entschuldige sich im Ausland ständig für Amerika und habe mehr Schulden angehäuft als alle anderen 43 US-Präsidenten zusammen.

Die Anschuldigungen gehören zum konservativen Standardrepertoire im Wahlkampf. Dennoch verblüffte Romneys Auftritt: Obwohl seine Aussagen von Fakten-Prüfern als "unberechtigt", "dreiste Lüge" und "übertrieben" eingestuft worden waren, wiederholte sie der 65-Jährige bei seinem Auftritt vor den Redakteuren. In der anschließenden Fragerunde seien Romneys Lügen nicht thematisiert worden, kritisierte das liberale Magazin Mother Jones. Solche Vorwürfe sind nicht neu: Demnach lassen sich US-Medien zu sehr vom Nachrichtenzyklus treiben, geben nur die Politikeraussagen wieder und stellen Falschaussagen nicht als solche dar.

Um im Wahlkampf zu punkten, ist amerikanischen Politikern seit langem fast jedes Mittel recht, und das Internet bietet mit Youtube-Videos und eigenen Websites (Romney Economics) neue Möglichkeiten, den Gegner schlechtzumachen - oft auch mit schlicht falschen Behauptungen. Für die US-Medien ist darum ein ganz neues journalistisches Betätigungsfeld entstanden: das Fact-Checking.

Skala in Flammen

Der Journalist Bill Adair teilt die Empörung über Romneys Rede nicht. "Seit Jahrhunderten übertreiben Politiker und nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau. Doch nun schauen ihnen Journalisten auf die Finger", sagt der 50-Jährige. Adairs Website PolitiFact.com, die Seite Factcheck.org und das Blog The Fact Checker der Washington Post sind die bekanntesten Wahrheitsdetektive: Sie decken die Tricks der Berater auf, die für Wahlvideos Sätze des Gegners aus dem Zusammenhang reißen oder Statistiken so verdrehen, dass ihr Mann gut dasteht. Auch CNN, die Nachrichtenagentur AP und die New York Times prüfen regelmäßig alle Details.

Adairs Instrument ist das Truth-O-Meter, mit dem er die Politiker-Aussagen bewertet. Die Kategorien reichen von "wahr", "überwiegend wahr" über "teilweise wahr", "überwiegend falsch" bis hin zu "falsch". Bei extrem dreisten Lügen geht die Skala in Flammen auf. Sechs Mal hat der amtierende Präsident das Label "Pants on Fire" (brennende Hosen) bisher kassiert, sein Herausforderer sogar neun Mal. Laut PolitiFact sind 42 Prozent von Romneys Statements falsch, Obamas Quote beträgt 27 Prozent.

Entstanden, sagt Adair, in dessen Washingtoner Büro ein Papp-Obama steht, sei das mit dem Pulitzerpreis prämierte Projekt aus - Schuldbewusstsein: "Ich habe 2004 für die Tampa Bay Times über das Duell Bush gegen Kerry berichtet und oft das Gefühl gehabt, deren Aussagen zu selten geprüft zu haben". Er zieht die mit Filzstift beschriebene Papptafel hervor, mit der er 2007 das Projekt bei der Tampa Bay Times vorstellte. Nach einem Probemonat sei PolitiFact online gegangen.

Wenn Kandidaten lügen und Medien die Lügen verbreiten, leidet nicht nur das Ansehen der Politiker, sondern auch das der Medien. Fact-Checking muss auch als Versuch verstanden werden, das Vertrauen der Leser wiederzugewinnen.

Wer zum Beispiel Glenn Kessler im Newsroom der Washington Post besucht, kommt in der Lobby an einer Tafel mit den "Sieben Prinzipien" vorbei, die Verleger Eugene Meyer 1933 aufstellte. Punkt eins: "Die erste Mission einer Zeitung ist es, die Wahrheit zu berichten, so weit man die Wahrheit ermitteln kann."

Je mehr Pinocchios, desto eindeutiger die Lüge

Das Blog Fact Checker sei im Sommer 2007 entstanden. Kessler sagt, die Verleger hätten den Fehler nicht vergessen, den sie vor dem Irak-Krieg begangen hatten, als sie die von der Bush-Regierung präsentierten Beweise über angebliche Massenvernichtungswaffen zu selten hinterfragten. Im Wahlkampf 2008 sollte der Fact Checker die Glaubwürdigkeit wieder steigern. Seit 2011 ist Kessler für das Blog zuständig, das mehr als eine Million Mal pro Monat angeklickt wird. Oft seien es ältere Beiträge, die plötzlich tausende Leser finden, weil ein Thema wieder diskutiert werde, sagt der 53-Jährige. Er stellt täglich einen Beitrag online, zudem druckt die Sonntagsausgabe eine seiner Beurteilungen - je mehr Pinocchios, desto eindeutiger die Lüge.

Gerade hat Obama die Höchststrafe von vier Langnasen kassiert, weil er bei CBS erklärte, 90 Prozent des US-Haushaltsdefizits gehe auf George W. Bush zurück. Kessler nimmt Obamas Behauptung auseinander, er präsentiert Grafiken des Finanzministeriums und von unabhängigen Rechnungsprüfern, zitiert Studien von Ökonomen und verlinkt auf eigene Texte und Recherchen von Factchecker-Kollegen, bevor er bilanziert: "Es ist erstaunlich, dass der Präsident diese falsche Behauptung wiederholt, als ob sie eine Tatsache wäre."

Aber genau wie Adair ist der pausbäckige Kessler, der zuvor neun Jahre über Außenpolitik schrieb, über solche Dreistigkeit weder frustriert noch empört: "Wenn ein Kandidat aus Umfragen oder Interviews mit Wählergruppen weiß, dass ein Slogan gut wirkt, dann wird er ihn den Bürgern einhämmern." So ist wohl auch der Romney-Berater Neil Newhouse zu verstehen, der im August verkündete, man werde sich "die Kampagne nicht von Fact-Checkern kaputt machen" lassen.