"Wahlarena" mit Angela Merkel Beim Thema Alltagsrassismus wählt Merkel die falschen Worte

Hat mittlerweile so viel TV-Erfahrung, dass sie kritische Fragesteller mit einem rhetorischen Kniff entwaffnen kann: Angela Merkel.

(Foto: dpa)

Die "Wahlarena" in der ARD lässt sich auch ohne Trinkspiel ertragen. Das Publikum ist kritisch, die Kanzlerin auf Zack - bis ihr ein junger Mann mit Migrationshintergrund eine Frage stellt.

TV-Kritik von Antonie Rietzschel

In jedem Wahlkampf sammeln sich typische Phrasen an, die sich aufgrund ihrer ständigen Wiederholung wunderbar für Trinkspiele eignen. Die machen wiederum die zahlreichen politischen und teilweise unsäglichen TV-Veranstaltungen erträglicher, die sich kurz vor dem Wahltermin anhäufen. Zum Beispiel die Sendung jüngst bei Sat 1, in der die Linken-Spitzenkandidatin Katja Kipping gefragt wurde, ob sie FDP-Politiker Christian Lindner scharf finde.

Die Wahlarena der ARD, in der Bundeskanzlerin Angela Merkel Fragen aus dem Publikum beantwortete, muss man sich nicht schön saufen. Das liegt vor allem am Streitwillen einzelner Zuschauer (mehr dazu im Live-Blog). Außerdem fügt die Bundeskanzlerin ihrem Sprüche-Repertoire (unter anderem hier gesammelt) zwei neue hinzu: "Ich kann Ihnen jetzt nicht versprechen, dass ..." und "Sie wissen das besser".

"Haben Sie ein offenes Herz für Menschen, denen es viel schlechter geht"

13 Tage vor der Bundestagswahl stellt sich Kanzlerin Merkel in der ARD interessierten Bürgern. Souverän verteidigt sie ihre Flüchtlingspolitik, sagt aber nicht, wie sie Vorurteile und Rassismus bekämpfen will. Die Liveticker-Nachlese. Von Benedikt Peters und Julian Freitag, Berlin mehr ...

Es ist nicht das erste Mal, dass Merkel mit normalen Bürgern und deren Sorgen konfrontiert ist. Bereits bei der Sendung An einem Tisch mit (RTL) bestimmten die Gäste die Themensetzung. Es ging um innere Sicherheit, Flüchtlinge, Integration und Altersarmut. Die Bundeskanzlerin präsentierte sich vor allem als Macherin, verwies auf Gesetze oder Initiativen, die die Regierung unter ihrer Kanzlerschaft angestoßen hat. Sie spielte stets ihre Erfahrung aus, auch im TV-Duell mit ihrem Herausforderer Martin Schulz.

Die Kanzlerin will bloß nichts versprechen

In der Wahlarena dimmt Merkel die Erwartungen herunter. Ob bei der Pflege, kostenlosen Kita-Plätzen oder Tierschutz, Merkel zitiert wie gewohnt bestehende oder geplante Maßnahmen, macht jedoch deutlich, dass deswegen nicht gleich alles besser werde. Bloß nichts versprechen. Sie gesteht einzelnen Gesprächspartnern Expertise zu, die angeblich über ihre eigene hinausgeht - ein geschickter rhetorischer Kniff, der die Fragenden entwaffnet und vermeidet, dass sie selbst in die Bredouille gerät. Zum Beispiel beim Thema Parteienspenden. Ab wann müssten die Spender sofort offengelegt werden? "Sie sind da der Experte", sagt Merkel zu einem jungen Mann, der von den Moderatoren nur das "grüne Hemd" genannt wird. "50 000", lautet die Antwort.

Merkel ist offenbar auch dankbar für die zahlreichen Faktenchecks, die es mittlerweile gibt. Da muss sie nicht mehr selbst argumentieren, sondern kann bei der Pkw-Maut auf einen Text des WDR verweisen. Der habe ja ganz klar bewiesen, dass Schulz sie beim TV-Duell zu Unrecht bezichtigt habe, die Unwahrheit gesagt zu haben. Dass das so nicht ganz stimmt, lässt sich hier noch mal nachlesen.

Dank Faktenchecks und eigener Zurückhaltung kann Merkel an diesem Abend lässig bleiben. Keine Selbstverständlichkeit angesichts des sehr ungemütlichen Studioaufbaus. Die Sitze des 150 Personen starken Publikums sind tatsächlich wie in einer Arena angeordnet. Merkel und die zwei Moderatoren Sonia Seymour Mikich und Andreas Cichowicz stehen sich in der Mitte im Dreieck gegenüber. Wenn im Rücken von Mikich jemand die Stimme erhebt ist der- oder diejenige recht weit weg von Merkel. Die Bundeskanzlerin versucht zuweilen auf die Menschen zuzugehen, verlässt dafür ihr gläsernes Pult. Doch die meiste Zeit lümmelt sie darauf herum.

Wenn sie einfach aufstehen und gehen

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Einen Moment der Wahrheit wie bei der Wahlarena 2013, als ein Leiharbeiter Merkel aus dem Konzept brachte, gibt es in diesem Jahr nicht. Kurz schafft es ein junger Pfleger, die Bundeskanzlerin in ihrem beruhigenden Redefluss zu stören. Als sie herunterspult, was in seinem Bereich bereits getan wurde, stellt er die richtigen Fragen: Ob es die versprochenen Standards auf allen Krankenhaus-Stationen gebe? Nein, gibt es nicht. Woher denn in zwei Jahren die vielen neuen Pflegekräfte kommen sollen? "Die fallen nicht vom Himmel." Merkel versucht die Wut des Fragenden zu besänftigen, indem sie ihm für seinen Einsatz dankt.