Vierte Staffel "House of Cards" Wiedersehen macht Freude

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(Foto: MRC II Distribution Company L.P.)

Frank Underwood for President: Die vierte Staffel "House of Cards" muss in Sachen Unterhaltungsfaktor mit der irren Realität des amerikanischen Vorwahlkampfes konkurrieren.

Von Cornelius Pollmer

Von Henri Nannen, dem Gründer des Stern, schwirrt noch immer ein alter Lehrsatz umher. Ein guter Text, sagte Nannen, müsse mit einem Erdbeben beginnen - und sich dann langsam steigern. House of Cards hat diesem Leitsatz zur Geltung im Modesegment Serie verholfen, mit einer Reihe von Staffel-Eröffnungen, an die man sich noch in Jahren mit ähnlicher Präzision erinnern wird wie andere an den Zauberlehrling oder Passagen aus diesem oder jenem von Andersen oder Eichendorff.

Staffel eins begann mit dem Mord an einem Hund, eigenhändig durchgeführt vom zukünftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Frank Underwood. Zu Beginn der dritten Staffel reiste dieser Underwood (Kevin Spacey) erstmals als Präsident nach Gaffney, South Carolina, in die erdrückende Luft seiner Herkunft. Underwood bat um einen privaten Moment am Grab seines Vaters, dann öffnete er seine Hose - und entsandte daraus einen sauren Schauer der Verachtung auf die steinerne Platte des Alten.

Von diesem Freitag an, 9.01 Uhr MEZ, steht eine vierte Staffel House of Cards in den USA bei Netflix zur Ansicht bereit, 13 neue Folgen dieses gewaltigen Fortsetzungs-What-the-fuck über das politische Amerika. In Deutschland zeigt Sky jede Woche eine Episode. Es geht, natürlich, noch immer um Macht und das bedingungsarme Streben danach, es geht um Verachtung, Allianzen und Intrigen, es geht um die moralisch-ethische Verwahrlosung einer ganzen Klasse. Und es geht um die Virtuosität dieses politischen Spiels, das auf der Bühne der Öffentlichkeit gänzlich anderen Regeln folgt als in den verwinkelten Gängen und Katakomben dahinter. Darum also geht es, aber wie geht es los? Eine Gefängniszelle, zwei Männer, ein Stockbett. Oben sitzt ein Journalist, der sehr konkret von Mann und Frau erzählt, unten ist mal wieder die Hose offen, bis es zum Erdbeben kommt. Der Mann unten hat sich erleichtert, und er bedankt sich für die Hilfe mit einem anerkennenden Ruf nach oben: "Mensch, du bist echt gut mit Worten."

Und wie geht es weiter? Nur eine kleine Vorschau auf die große Konfliktlinie dieser Staffel, skizziert worden ist diese schon im Finale von Staffel Nummer drei. "Ich verlasse dich", sagte die Gattin des Präsidenten - und ging. "Claire", sagte der Präsident - und blieb stehen. Nachdem Frank Underwood drei Staffeln lang seinen Initialen alle Ehre zu machen bereit war, ist nun seine Frau an der Reihe. Es gibt ein Wiedersehen mit ihr, CU, Claire Underwood.

Frank Underwoods Porträt hängt zwischen echten Präsidenten

Dieses Wiedersehen ist von jenem Facettenreichtum, der House of Cards wesentlich auszeichnet, und der für die Qualität der Serie viel stabilisierender wirkt als all der Trubel an der Oberfläche des Geschehens: Schusswaffengebrauch, Ku-Klux-Klan, ein in Brandenburg verhandelter Deal mit den Russen. Und wenn diese vierte Saison der Serie nach der schon schwächeren dritten Staffel weiter etwas an Magnetismus verliert, dann hat das vor allem zwei Gründe.

Erstens: House of Cards, das ist immer noch die große Erzählung von der Welt als Wille und Vorstellung der besonders Ruchlosen. Anstand und Moral, Familie und Gesetz, im Grunde alles zerbröselt weiterhin verlässlich, wenn es dem Willen vor allem Underwoods im Wege steht. Dieser Frank Underwood aber hat seinen Nobody-Bonus verloren, das Überraschungsmoment ist jetzt auf der Seite anderer, von Underwood aber weiß der Zuschauer: Dem ist alles zuzutrauen. Und mehr als "alles" lässt sich nicht in ein Drehbuch schreiben.

Zweitens: Die Serie suchte stets eine vage, aber andeutungsreiche Halbdistanz zu den politischen Realitäten der USA. Die Frage, wie realistisch dieser Handlungsstrang oder jenes Komplott wohl dargestellt sei, war ein tragendes Moment der ersten Staffeln. Nun hat die Realität aber Donald Trump eingekauft, vielleicht ist es auch andersherum, wer wüsste das schon. Jedenfalls ist die Welt da draußen so irre geworden, dass sie auf befremdliche Weise ernsthaft konkurriert mit dem Unterhaltungsgeschehen einer, nun ja, fiktiven Serie.

Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass House of Cards sich selbst verlassen hat und schon einen Schritt weiter ist. Die Wochen vor dem Start der neuen Folgen fielen praktischerweise in den US-Vorwahlkampf. Die Serienfigur Frank Underwood betreibt also eine eigene Kampagnen-Website, ein Porträt von ihr hängt in der Smithsonian National Portrait Gallery - neben denen anderer und, das muss man inzwischen womöglich dazu sagen: echter Präsidenten. In Underwoods Heimat South Carolina wurde während einer Debatte der republikanischen Kandidaten ein riesiges Wahlkampfposter von ihm aufgestellt.

In seinen ersten schönen Stunden lehrte House of Cards, wie die Politik das Fernsehen für ihre Zwecke einzusetzen vermag. Eine Lehre der Werbekampagne für Staffel vier ist schon mal, dass es auch andersherum funktioniert.

House of Cards, Sky Atlantic, freitags, 21 Uhr.