"Verschlossene Auster"-Laudatio "Ich scheiß Dich zu mit meinem Geld"

Die Atomindustrie kommuniziert wie der Teufel. Sie bittet die Kanzlerin zum Diktat, ihre Manager und Lobbyisten drängen in jede Talkshow. Jetzt bekommen die vier Energiekonzerne den Negativpreis "Verschlossene Auster". Von politischer Präpotenz, sehr viel Geld für PR-Tricks - und was das alles mit "Kir Royal" zu tun hat:

Die Laudatio von Heribert Prantl

Der Journalistenverein netzwerk recherche hat die vier großen Stromkonzerne RWE, Eon, EnBW und Vattenfall mit der "Verschlossenen Auster" ausgezeichnet - einem Negativpreis für all jene, die Informationen zurückhalten oder gezielt täuschen. Eon-Kommunikationschef Guido Knott warf der Jury bei der Verleihung an diesem Samstag in Hamburg vor, "alle Vergabekriterien über Bord geworfen" zu haben: "Ich nehme den Preis entgegen - ich nehme ihn jedoch nicht an." Heribert Prantl, Mitglied der SZ-Chefredaktion und Leiter der Redaktion Innenpolitik, begründete dagegen die Entscheidung in einer Laudatio auf die Lobbypolitik der Konzerne. sueddeutsche.de dokumentiert den Wortlaut seiner Rede.

"Und ich sah den Sisyphos in gewaltigen Schmerzen: wie er mit beiden Armen einen Felsblock, einen ungeheueren, befördern wollte. Ja, und mit Händen und Füßen stemmend, stieß er den Block auf einen Berg. Doch wenn er ihn über die Kappe werfen wollte, so drehte ihn das Übergewicht zurück: Von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinab. Er aber stieß ihn immer wieder zurück, sich anspannend, und es rann der Schweiß ihm von den Gliedern, und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus."

So steht es in der Odyssee, so beschreibt es Homer in der Unterweltszene. Auf der Einladung und dem Tagungsprogramm des Netzwerks Recherche sehen wir die Szene anders. Da sehen wir nicht einen Felsblock, sondern ein gewaltig großes Gehirn, das auf einen Berg gezogen wird. Das Bild ist voller Rätsel. Wem gehört das Gehirn? Der Atomindustrie? Der Bundesregierung? Den Menschen, die daran ziehen und drücken und herumtatschen? Und warum ziehen sie das Gehirn auf den Berg? Wartet dort hirnlos derjenige, dem es gehört? Was wird er tun, wenn er sein Gehirn wieder hat? Und was machen dann, nach vollbrachter Tat, die Menschen, die es ihm herbeigeschleppt haben? Werden sie womöglich mit Posten in der Entourage des Gehirnbesitzers belohnt? Dafür gibt es Beispiele: Joschka Fischer ist heute Berater beim Energiekonzern RWE und Rezzo Schlauch ist Berater beim Energiekonzern EnBW. Oder ziehen sie dann das nächste Gehirn auf den Berg, weil es ja noch viele andere Hirnlose gibt? Fragen über Fragen. Wir stehen hier, bei der Verleihung der verschlossenen Auster, vor einer paradoxalen Form der Mythenrezeption.

In seinem Tagungsmotto zitiert das Netzwerk Recherche Albert Camus' Deutung von Sisyphos als einem glücklichem Menschen. "Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen", schreibt Camus. Der Philosoph hat uns empfohlen, wir sollten uns Sisyphos daher nicht als resignierten oder als verzweifelten, sondern als glücklichen Menschen vorstellen - glücklich, weil er der Wiederkehr des immer Gleichen einen Sinn gibt, weil er durch seine ewige Steinewälzerei revoltiert. Sisyphos müsste ja eigentlich gar nicht ewig wälzen, er könnte ja einfach damit aufhören, die Strafe der Götter auf sich zu nehmen, er könnte sich hinsetzen, ausruhen, davonlaufen. Die Götter hatten das wohl so erwartet, aber er macht das nicht. Er ist stärker als die Last, und er ist stärker als die, die sie ihm verordnet haben. Auf jedem Rückweg, auf jedem Weg zurück ins Tal, ist er seinem Schicksal überlegen: "Er ist stärker als der Fels." Er zieht seine Kraft aus der Verachtung des Schicksals. Die ewige Wälzerei ist seine Form der Empörung gegen die Götter. Albert Camus hat den Mythenkern also semantisch berichtigt, er hat der Sinnlosigkeit Sinn gegeben. Der glückliche Sisyphos - das ist eine gute Vorstellung: für Bürgerinitiativen ebenso wie für Journalisten.

Warum Journalisten wie Sisyphos sind

Nun also macht das Netzwerk Recherche aus dem Felsbrocken ein Gehirn: Nicht ein Felsbrocken wird nach oben gerollt, sondern ein Gehirn nach oben gezogen. Das Netzwerk Recherche praktiziert das, was Camus selber angeregt hat - Mythentransformation: "Die Mythen leben nicht aus sich selbst", sagt Camus. "Die Mythen warten darauf, dass wir sie verkörpern." Wir alle verkörpern Sisyphos. Und wir müssen immer wieder von neuem, so verstehe ich die Absicht von Netzwerk Recherche, dafür sorgen, dass das Hirn oben ist und oben bleibt. Die Sisyphosse müssen danach trachten, dass Verstand und Erkenntnis nach oben transportiert werden. Das ist ein immer wieder mühseliger Prozess. Die Verleihung der "Verschlossenen Auster" an die Atomindustrie ist, so verstehe ich das, ein Teil dieses Versuchs.

Diese Preisverleihung geschieht zu einem Zeitpunkt, an dem schon ziemlich viel Erkenntnis oben angelangt ist. Der Atomausstieg der Bundesregierung, dem viele Atomkraftgegner noch nicht recht trauen wollen, ist Ausdruck dieser Erkenntnis. Die Erkenntnis lautet: Die Zeit der Atomenergie ist abgelaufen. Die Atomverstromung hat ihre gesellschaftliche Akzeptanz verloren. Der Tsunami hat die Reste der in der Politik noch vorhandenen Atomgläubigkeit weggespült. Der Staat hat seine Infrastrukturverantwortung erkannt. Was mit dem Stromeinspeisungsgesetz vor über zwanzig Jahren begonnen und mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz fortgesetzt wurde, erlebt nun den finalen Schub. "Wenn ihr das in Deutschland hinkriegt, das wäre das ein Signal für die Welt", sagte soeben der CDU-Mann Klaus Töpfer auf dem Parteitag der Grünen: Das Land steht vor einer Energiewende.

Die Konzerne haben sich nicht auf die Zukunft eingestellt

Nur unsere Preisträger, die Atomenergiekonzerne Eon, EnBW, RWE und Vattenfall, wehren sich dagegen; sie wehren sich in unterschiedlicher Intensität gegen diese Erkenntnis. Sie wehren sich, weil sie den Strom in ihren riesigen Atomkraftwerken so billig erzeugen können. Sie wehren sich, weil ihnen die Laufzeitverlängerung vom Herbst vergangenen Jahres jeden Tag Millionengewinne gesichert hatte. Die Atomkonzerne wehren sich, weil sie den Wettbewerb unter sich aufgeteilt, also verhindert und die armen Verwandten, die Stadtwerke, lust- und machtvoll an die Wand gedrückt hatten. Sie wehren sich erbittert, weil sie merken, dass die Zeit der zentralen Energieerzeugung vorbei ist, dass sie sich aber auf die dezentrale Energieerzeugung nicht eingestellt haben. Hinter den Erneuerbaren Energien steht investive Schubkraft, die Schubkraft der bisher Großen Vier nimmt ab. Die Zukunft gehört den Erneuerbaren Energien, aber auf diese Zukunft haben sich RWE und Co viel zu wenig eingestellt - RWE am wenigsten. Weil man sich auf die neue Zeit nicht eingestellt hat, beschwört man die alten.