Verfilmung der "Spiegel"-Affäre Das Duell

Rudolf Augstein wird in dem ARD-Film "Die Spiegel-Affäre" gut gespielt von Sebastian Rudolph.

(Foto: BR/Wiede)

Der Film "Die Spiegel-Affäre" von Roland Suso Richter kapriziert sich auf den Gegensatz zwischen Rudolf Augstein und dem ehemaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß. Worum es 1962 aber tatsächlich ging, fällt in dem ARD-Film unter den Tisch.

Von Franziska Augstein

Am Abend des 26. Oktober 1962 besetzte die Staatsgewalt die Redaktionsräume des Spiegel in Hamburg. Es begann die sogenannte Spiegel-Affäre. Für den jungen westdeutschen Rechtsstaat war es eine Bewährungsprobe. Was war wichtiger: der Staat oder die Bürgerrechte und im Besonderen die Pressefreiheit? Die Affäre war ein Markstein in der Geschichte der Bundesrepublik. Bekanntlich ging sie gut aus. So wie auch die Watergate-Affäre gut ausging, nämlich im Sinn der amerikanischen Verfassung.

Die Watergate-Affäre von 1972 wurde schon 1976 verfilmt. Alan Pakulas Die Unbestechlichen gewann vier Oscars und setzte Maßstäbe. Seither meint die Welt zu wissen, wie engagierte Journalisten auftreten. Der Film Die Spiegel-Affäre - mehr als fünfzig Jahre post festum gedreht - wirkt so, als habe der Regisseur Roland Suso Richter sich Die Unbestechlichen sehr gut angeschaut. In seinem Film sind es nicht bloß zwei Journalisten, Bob Woodward und Carl Bernstein, die dem Rechtsstaat zur Geltung verhelfen, es ist eine ganze Boygroup: führende Redakteure des Spiegel und Rudolf Augstein.

Im Film sind diese Redakteure unentwegt zu Bonmots aufgelegt. Das ist amüsant, auch wenn der Drehbuchautor Johannes Betz mangels Originalzitaten den Leuten Worte untergeschoben hat, die letztere mitunter erst ein bisschen oder gar viele Jahre später geäußert haben: Der Zuschauer mag es, wenn intelligente, kaum vierzig Jahre alte, tatendurstige Männer Witz zeigen. Dies zumal, wenn die Schauspieler sich auf ihre Kunst verstehen.

Kumpelhaftes Benehmen war im Büro verpönt

In der Wirklichkeit freilich lässt sich eine Redaktionskonferenz des Spiegel Anfang der 60er-Jahre mit dem Redaktionsalltag bei der Washington Post Anfang der 70er-Jahre so gut vergleichen, wie man Labskaus mit Hotdogs vergleichen kann. Die Unbestechlichen zeigen Journalisten, die durch die 68er-Bewegung schon hindurchgegangen sind. Im Spiegel hingegen herrschte Anfang der 60er-Jahre ein steifes Komment, das - natürlich - gelegentlich übertreten wurde.

Eine Szene aus dem Film "Die Spiegel-Affäre" - die Redakteure waren nicht so keck, wie der Film sie zeigt.

(Foto: Stephan Rabold)

Man titulierte einander als Herr Soundso. Kumpelhaftes Benehmen war im Büro verpönt. Dafür gab's zum Ausgleich nach Feierabend gelegentliche Gruppenausflüge auf die Reeperbahn, von wo man strikt besoffen heimkehrte, um am folgenden Morgen tipptopp geschniegelt in der Redaktion auf den Plan zu treten. Die meisten Spiegel-Redakteure waren im Zweiten Weltkrieg gewesen. Der Ton in der Redaktion war so wie in einem Offizierskasino.

Frauen hatten in der Text-Redaktion nur als Tippse etwas verloren. Im Film konstatiert eine Figur, dass weibliche Ressortleiter nicht infrage kämen. In der Wirklichkeit wäre das 1962 ungefähr so gewesen, wie wenn ein Spiegel-Redakteur ernsthaft gesagt hätte, dass man Außerirdische nicht beschäftigen könne. Als die Journalistin Ariane Barth 1967 zum Spiegel stieß und sich Zutritt zum inneren Kreis der täglichen Redaktionskonferenzen verschaffte, warnte Rudolf Augstein die Kollegen vorab: "Jetzt erzählen wir nur noch die unanständigen Witze, die wirklich gut sind."

Dessen ungeachtet, ging es in der Redaktion in aller Regel förmlich zu. Und die Redakteure waren auch nicht so keck, wie der Film sie zeigt. Als die Sicherheitskräfte die Redaktionsräume besetzten, hatten etliche vor allem ein Gefühl: Angst.