US-Medien Wie die "Washington Post" zu einer Falschmeldung verleitet werden sollte

Der Chefredakteur der "Washington Post", Martin Baron, sieht in den zugespielten Fehlinformationen einen Komplott, "uns zu täuschen und bloßzustellen".

(Foto: AFP)

Konservative Aktivisten haben offenbar versucht, dem Blatt gezielt Fehlinformationen zuzuspielen. Jetzt dreht die Zeitung den Spieß um.

Von Karoline Meta Beisel

Die beiden Frauen sitzen in einem Restaurant in Virginia. Links die Journalistin von der Washington Post , rechts eine rothaarige Frau, die der Reporterin ihre Geschichte erzählen will, es geht um den republikanischen Senatskandidaten Roy Moore. Bereits Anfang des Monats hatte die Post Anschuldigungen mehrerer Frauen gegen Moore öffentlich gemacht. Sie werfen ihm vor, sie als Kinder sexuell missbraucht zu haben. Und nun sitzt da diese Frau, die vorgibt, als 15-Jährige mit Moore eine Affäre gehabt zu haben - zur Geschichte würde das gut passen. Aber die Reporterin glaubt ihr nicht. "Ich wüsste gerne, für wen Sie arbeiten", sagt sie. "Wenn Sie irgendetwas darüber sagen wollen, warum Sie hier sind und wie es dazu kam, jetzt ist Ihre Chance."

Über CNN, die New York Times oder die Post zu schimpfen ist bei Donald Trump und seinen Anhängern so beliebt, dass es inzwischen sogar eine Abkürzung gibt: MSM, "Mainstream Media", die in den Augen ihrer Gegner vor allem eines eint: dass sie "Fake news" verbreiten, Fehlinformationen. Erst am Montag lästerte Trump auf Twitter: "Wir sollten einen Wettbewerb machen, welcher TV-Sender, inklusive CNN, aber ohne Fox, der unehrlichste, korrupteste ist und/oder derjenige, dessen Berichterstattung über euren Lieblingspräsidenten (mich) am verzerrtesten ist. Sie sind alle schlecht. Der Sieger bekommt den Fake-News-okal!". Es gibt Menschen, die nur darauf warten, dass einem dieser "MSM" ein grober journalistischer Fehler passiert.

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Die Frau bat um Vertraulichkeit. Die wird ihr nicht mehr gewährt

Nun sieht es so aus, als habe es einen Versuch gegeben, der Washington Post gezielt Fehlinformationen zuzuspielen - um sie hinterher der Falschberichterstattung zu überführen: Die Redaktion hält es für möglich, dass die vorgebliche Moore-Informantin ihre Geschichte im Auftrag von "Project Veritas" erzählte: einer Plattform, die 2010 von dem konservativen Politaktivisten James O'Keefe gegründet wurde, und deren Startseite im Netz derzeit von einer Artikelserie beherrscht wird über die Voreingenommenheit von CNN und der New York Times. Als Quelle für die Artikel dienen heimlich mitgefilmte Gespräche mit Mitarbeitern der jeweiligen Redaktionen, die über ihre Arbeit reflektieren - die Reporterin der Post geht davon aus, dass das vorgebliche Moore-Opfer auch ihre Gespräche aufgezeichnet hat. Die Frau hatte die Post erstmals am 10. November mit der Bitte um Vertraulichkeit kontaktiert. Das letzte Treffen in dem Restaurant fand am vergangenen Mittwoch statt.

Diesen Montag hätten Mitarbeiter der Washington Post die Frau dabei beobachtet, wie sie das New Yorker Büro von Project Veritas betrat, schreibt die Post. Die Redaktion sei misstrauisch geworden, weil sich die Angaben, die die Frau zu ihrer Arbeitsstelle gemacht hatte, nicht überprüfen ließen. Ein Rechercheur fand aber eine Webseite, auf der die Frau ankündigte, nach New York zu ziehen, um "in der konservativen Medienbewegung zu arbeiten, und die Lügen und Täuschungen der liberalen MSM zu bekämpfen". Die Washington Post hat den Spieß jetzt umgedreht und das mögliche Täuschungsmanöver selbst zum Gegenstand ihrer Berichterstattung gemacht. Sie zeigt damit, wie tief die Gräben in den USA tatsächlich sind - und was für Aktivisten jeder Couleur möglich wäre, wenn sich ein Medium sorgfältiges Faktenchecken nicht leisten will oder kann.

Der Fall ist noch aus einem anderen Grund interessant. Das Gespräch im Restaurant hat die Post ihrerseits aufgezeichnet, was die Reporterin der Frau ausdrücklich mitteilt. Auf dem Video, das die Zeitung nun veröffentlich hat, hört man die Frau aber auch sagen, dass sie nicht will, dass ihre Aussagen öffentlich gemacht werden. Eigentlich halte man sich immer an solche Vereinbarungen, sagt Chefredakteur Martin Baron. "Aber diese Unterhaltung war der Kern eines Komplotts uns zu täuschen und bloßzustellen. Wegen der bei uns üblichen journalistischen Sorgfalt sind wir nicht darauf reingefallen". Unter den gegebenen Umständen könne man sich nicht an die Vereinbarung halten.

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