Übermacht der Konzerne Immer auf die Kleinen

Unabhängige Produzenten bestimmen ein Drittel des deutschen Musikmarktes, ihre Songs kommen aber im öffentlich-rechtlichen Radio kaum vor. Gegen dieses geschäftsschädigende Missverhältnis regt sich nun Protest in der Branche.

Von Stefan Fischer

Der Vorwurf selbst kommt nicht unerwartet - aber die Richtung, aus der er kommt, ist es schon: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sieht sich zwar des Öfteren der Kritik ausgesetzt, er vernachlässige seinen Kultur- und Bildungsauftrag. Dass aber Popmusik-Produzenten ihn erheben, überrascht. Der Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT), in dem kleine und mittelständische Betriebe aus der Musikwirtschaft organisiert sind, hat Zahlen veröffentlicht, die eine Benachteiligung der Mitglieder durch die Radiosender dokumentieren. Es sei jedoch Teil des Kultur- und Bildungsauftrags, "die Musiklandschaft in all ihrer Vielfalt zu zeigen", heißt es in einer Erklärung des Verbands.

In der Summe bedienen die kleinen und mittelständischen Produzenten beileibe nicht nur Nischen und Spezialinteressen: Vielmehr stammt etwa ein Drittel aller in Deutschland verkauften und konsumierten Musikaufnahmen von unabhängigen Unternehmen, das belegt unter anderem ein Monitoring-Bericht des Bundeswirtschaftsministeriums. Der Anteil dieser Songs im deutschen Radioprogramm beträgt hingegen lediglich 5,5 Prozent, wie eine Auswertung des European Music Office, einer Dachorganisation nationaler Musikverbände, ergeben hat. Greifbar wird dieses Missverhältnis beim Blick auf die im deutschen Radio meistgespielten Titel: Unter den Top 100 waren 2014 nur drei Song von VUT-Produzenten: Stolen Dance von Milky Chance (Platz 10), Traum von Cro (Platz 14) und The Chamber von Lenny Kravitz (Platz 68). Der VUT argumentiert in einem Positionspapier, dass die Radiosender somit am Musikgeschmack von erheblichen Hörergruppen deutlich vorbei zielen würden, "ein beachtlicher Teil der Bevölkerung also nicht erreicht" werde. Sowie die Gesamtheit der Hörer über das Radio mit bestimmten Arten von Musik kaum in Berührung kommt. Nicht unwichtig ist in dem Zusammenhang auch der materielle Nachteil für die Künstler und Produzenten, betont der VUT: Wer selten im Radio gespielt wird, bekommt auch nur wenig Geld über die Rechte-Verwertungsgesellschaften ausgeschüttet.

Musikvielfalt gibt es bei den Sendern fast nur in der Nische

Mit dem Mainstream-Musikangebot der Privatsender allein sind die vorgelegten Zahlen nicht zu erklären: Privater und öffentlich-rechtlicher Rundfunk haben in etwa gleich viele Hörer. Selbst wenn die Privatsender den durchschnittlichen Anteil unabhängig produzierter Songs im Programm von 5,5 Prozent deutlich unterschreiten sollten - wozu allerdings keine Daten vorliegen -, kämen die Öffentlich-Rechtlichen dennoch rechnerisch nicht über einen Anteil von 10 Prozent. Stattdessen verbannen sie unabhängig produzierte Musik häufig in ihre Nischenprogramme wie den Nachtmix auf Bayern 2.

Der VUT verweist darauf, dass "gerade für Jugendliche das Radio immer noch der wichtigste Anlaufpunkt zum Entdecken von Musik ist." Nach wie vor hören drei Viertel der Jugendlichen regelmäßig Radio, entsprechend wichtig ist der Hörfunk für die Musikindustrie als Plattform. Aber auch dem Hörfunk müsste daran gelegen sein, die musikalischen Interessen aller zu bedienen - will er seine Hörerzahlen auch zukünftig insbesondere beim jungen Publikum halten, das er zum Teil bereits an Streamingdienste verloren hat. Weil Unternehmen, die im VUT organisiert sind, überproportional häufig neue Künstler aufbauen, leitet der Verband daraus eine konkrete Forderung ab: Dass sich die öffentlich-rechtlichen Sender verpflichten, "mindestens 20 Prozent ihres Musikprogramms zur Präsentation neuer Musik und Künstler zu nutzen" - und zwar nicht nur der internationalen Konzerne Universal, Sony Music und Warner.