TV-Unterhaltung Der Prügelknabe

Auf dem Sprung in die öffentlich-rechtliche Samstagabendunterhaltung: Steven Gätjen.

(Foto: ZDF/Johanna Brinckman)

Steven Gätjen soll beim ZDF die Lücke füllen, die Thomas Gottschalk hinterlassen hat. Mit aufgewärmten Shows macht ihm der Sender den Start schwer.

Von Karoline Meta Beisel

Ein paar Sonnenstunden, kaum Wind - das Wetter soll ruhig bleiben am Samstag. Steven Gätjen hat trotzdem eine dicke Jacke angezogen: "Wenn man in Hamburg wohnt, ist man Gegenwind gewohnt." Mit diesem Satz beginnt der Imageclip für den neuen ZDF-Moderator Gätjen. Darin fährt er in der Abendsonne in einem kleinen Bötchen an den dicken Pötten im Hamburger Hafen vorbei. Bei dem Spruch geht es nicht ums Schietwetter - zumal Gätjens erste ZDF-Show gar nicht in Hamburg, sondern in Duisburg produziert wird. Gemeint sind die Leute, die Gätjen selbst für ein kleines Bötchen halten.

Die Kritik schon vorwegzunehmen, bevor die erste Sendung überhaupt gelaufen ist, das ist eine merkwürdige Entscheidung. Zumal mit einem Video, das, um im Bild zu bleiben, doch eigentlich zeigen soll, was für einen tollen Hecht sich das ZDF da geangelt hat. "Steven Gätjen ist einer der Top-Moderatoren in Deutschland", hatte der ZDF-Unterhaltungschef bei der Bekanntgabe des Wechsels im Mai noch geprahlt. Andererseits gibt es tatsächlich nicht viele Leute im deutschen Fernsehen, die von der Kritik mit so einer Konstanz für eine Flachzange gehalten werden wie Steven Gätjen: zu seicht, zu glatt, zu bieder. Die Deutschen sind misstrauisch, wenn jemand immer gute Laune hat. Eigentlich müsste das an ihm abprallen, denn es gibt auch nicht viele, die schon so lange vor der Kamera stehen wie er. Und noch viel weniger, denen zugetraut wird, Thomas Gottschalk zu beerben.

Es ist ihm aber nicht egal. Beim Treffen in Hamburg, gut zwei Wochen vor seinem ersten Auftritt für den neuen Arbeitgeber, zitiert Gätjen wörtlich aus kritischen Artikeln, die vor Jahren über ihn geschrieben wurden. Draußen vor dem Café im Univiertel geht genau der scharfe Wind, den er wohl auch diesmal erwartet. Aber wenn man ihn anpustet, pustet er auch zurück: "Wenn mir jemand vorwirft, ich sei nicht gut vorbereitet, dann sage ich: Entweder du hast mich noch nie gesehen oder du hast keine Ahnung." Dass ihn ein Fernsehzuschauer noch nie gesehen hat, ist unwahrscheinlich. Der in den USA geborene Gätjen moderiert seit mehr als 20 Jahren, die letzten 17 davon bei Pro Sieben, von Taff bis Fort Boyard. Im Jahr 2001, das hatte Bild der Frau damals ausgezählt, stand er sogar häufiger vor der Kamera als Günter Jauch und Thomas Gottschalk.

"Wenn mir jemand vorwirft, ich sei nicht gut vorbereitet, dann sage ich: Entweder du hast mich noch nie gesehen oder du hast keine Ahnung."

Genau den soll er nun also beerben, es ist, wenn man so will, der dritte Lückenfüllerjob in Gätjens Karriere: Beim Casting für MTV hatte man ihm in den Neunzigern noch völlige Talentfreiheit bescheinigt und ihn auf einen Redakteursjob vertröstet, vor die Kamera durfte er nur, weil eine Nachrichtensprecherin ausgefallen war. 2011 holte ihn Stefan Raab holterdipolter zu Schlag den Raab, als Matthias Opdenhövel seinen Wechsel zur ARD ankündigte. Auch Raab hatte ihn damals gewarnt, er werde in den ersten Wochen Dresche bekommen. Es kam anders. Die Zuschauer gewöhnten sich schnell an Gätjen, der wegen seiner rosigen Wangen zwar immer so aussieht, als sei er gerade vom Spielen hereingekommen, der aber auch hart bleiben kann, wo es nötig ist. Der beliebteste Clip von Gätjen auf Youtube ist einer, in dem er Raab auflaufen lässt, als der vor einem Spiel schon mal die Geräte testen will. "Sag bitte, bitte", sagt Gätjen zu Raab. "Bitte, bitte", sagt Raab - nur um von Gätjen erneut zurückgewiesen zu werden. Das Saalpublikum war begeistert.

So groß wie die Lücke, die Thomas Gottschalk hinterlassen hat, war bisher aber keine. Als der mit Wetten, dass . . .? aufhörte, versuchte noch Markus Lanz, den Samstagabendklassiker am Leben zu halten. Die Sendung gibt es heute nicht mehr, und Markus Lanz macht wieder dasselbe wie vorher. Gesucht wird darum ein Moderator für die große Samstagabendshow, jene "unterhaltende, meist direkt übertragene Sendung bzw. öffentliche Veranstaltung auf dem traditionell wichtigsten und nach wie vor publikumsträchtigsten Sendeplatz des Fernsehens", wie die ARD das Sujet in fast schon rührender Meyers-Taschenlexikonhaftigkeit auf ihrer Homepage in einem Glossar definiert.

Wie schlecht es um das Genre im öffentlich-rechtlichen Fernsehen derzeit bestellt ist, zeigt das Bild, das unter jenem Lexikoneintrag steht: Andy Borg im Musikantenstadl. Dabei hat man im vergangenen Sommer erst Borg abgeschafft, und nach ihm dann auch das ganze zur Stadlshow verjüngte Format, weil das zu wenige sehen wollten. Gätjen findet, die Verjüngung sei trotzdem der richtige Schritt gewesen. "Die öffentlich-rechtlichen Sender müssen auch mal unbequem sein", sagt er. Beim Stadl hätten sie wenigstens versucht, sich zu verändern.

Beim ZDF ist er jetzt das Versuchskaninchen, das Experiment ein ähnliches: Gätjen ist 43, viel jünger als sein künftiges Publikum. Am Samstag ist sein erster Auftritt, die dreistündige Show heißt Die Versteckte Kamera 2016 - Prominent reingelegt!, und wird live in einem Duisburger Theater produziert. Prominente, darunter Matthias Schweighöfer, Uri Geller ("It will blow your mind! It's unglaublich!") und Wetten, dass?-Überbleibsel Michelle Hunziker treten mit Pannenfilmchen an, am Ende entscheidet das Publikum. Zuvor kommentiert eine Jury die Filme, Carolin Kebekus und noch zwei, die vom Feuilleton gern verschmäht werden: Til Schweiger und Heiner Lauterbach, der mit Auftritten in guten, wichtigen Filmen gerade noch mal zu ganz großer Form aufläuft - ob das Gätjen beim ZDF auch gelingt?

Die Bedingungen dafür sind, vorsichtig gesagt, nicht ideal. Dafür kann Gätjen aber nichts. Auch die anderen beiden Shows, die das ZDF für ihn angekündigt hat, sind ein Abklatsch von Altbekanntem. Vom 25. Februar an moderiert er die Liveshow I can do that!, ein israelisches Format à la Stars in der Manege. Und im Mai wärmt er Deutschlands Superhirn auf, das zwischen 2011 und 2013 von Jörg Pilawa wegmoderiert wurde. Profilieren kann man sich so kaum: Wer moderiert eigentlich den Quiz Champion, was ist der Unterschied zwischen Das Spiel beginnt und Klein gegen Groß? Und welche Show lief noch gleich auf welchem Sender?

Gätjen weiß, dass sein Start schwer wird, aber es scheint ihn nicht zu kümmern: "Wenn ich da hingegangen und sofort mit der großen Steven-Gätjen-Show eingestiegen wäre - ich glaube nicht, dass das funktioniert hätte", sagt er. "Die Leute müssen ja erst mal gucken: Wer ist der Typ?" Die ersten Sendungen sieht er als Aufwärmphase, für das zweite Halbjahr arbeitet er mit dem ZDF an neuen Formaten. Am liebsten was mit Kino. Das liebt Gätjen: Mit FredCarpet betreibt er nicht nur eine eigene Webplattform zum Thema, er ist auch regelmäßiger Gast bei den stundenlangen Filmnerd-Runden von "Rocket Beans TV" - einem sehr unglamourösen, sehr sympathischen Youtube-Kanal.

Ein bisschen Gätjen steckt aber auch schon in der ersten Show. Das bekannte Format vergleicht er mit einem Haus. "Das ZDF hat gesagt, welche Deko sie gut finden und ich habe gesagt, welche Deko ich gut finde. Und dann habe ich gesagt: Ich will aber auch mein pinkes Nacktzimmer."

Das mit dem Zimmer für Nudisten ist ein Zitat aus der Schmonzette Zum Ausziehen verführt mit Matthew McConaughey, den man auch einst für einen faden Schönling hielt. Als Charakterdarsteller gefeiert wird McConaughey erst, seit er in The Wolf of Wall Street spielte. Da war er 43.