Missbrauch an der Odenwaldschule Genug geschwiegen

Nun reden die Opfer: In "Und wir sind nicht die Einzigen" erzählen ehemalige Odenwald-Schüler von sexuellem Missbrauch und von der Mauer des Schweigens, auf die sie in ihrem Leid stießen. Der Film ist das Dokument eines Martyriums - bedrückend und einfühlsam.

Von Tanjev Schultz

Dieser Film ist eine Qual, aber er lässt den Zuschauer nicht los, er zwingt ihn zum Hinschauen, das genau ist sein Sinn. Man kann sich nicht abwenden, die Menschen in diesem Film ergreifen den Zuschauer, sie sprechen ihn direkt an. Es sind erwachsene Männer, die als Kinder und Jugendliche an der berühmten, mittlerweile berüchtigten Odenwaldschule im hessischen Heppenheim von ihren Lehrern sexuell ausgebeutet wurden.

Jahrelang wollte sie niemand hören, nun sprechen die Missbrauchsopfer der Odenwaldschule in der Dokumentation "Und wir waren nicht die Einzigen" über ihre Erlebnisse.

(Foto: dpa)

Der deutsch-britische Regisseur Christoph Röhl, der einst zwei Jahre als Englisch-Assistent in dem Internat gelebt hat, lässt die Männer nah vor der Kamera sprechen. Das hätte ein voyeuristischer, ein nicht nur schwieriger, sondern ein schmieriger Film werden können. Entstanden aber ist das sensible Dokument eines Martyriums, das erst im vergangenen Jahr in seinen ganzen Ausmaßen bekannt wurde. Es ist ein Aufklärungsfilm für Erwachsene. Ihn zu sehen: für Pädagogen Pflicht.

Und wir sind nicht die Einzigen: So stand es in einem Brief, den zwei Betroffene Ende der neunziger Jahre an die Schule geschrieben hatten, um die Zeit des Schweigens zu beenden. Aber niemand hat ihren Hinweis beachtet. "Niemand wollte mit uns sprechen", sagt einer der beiden im Film. Nun haben auch andere den Mut gefunden zu reden - auch wenn es, wie einer von ihnen sagt, immer wieder wehtut.

Jeder dieser Männer, die hier reden - stellvertretend für die vielen, die es nicht schaffen -, spricht auf seine Weise: der eine scharf und pointiert, der andere schüchtern, manchmal augenzwinkernd, einer aufgewühlt, der andere kühl. Röhl lässt sie in Ruhe erzählen, vor einer neutralen Kulisse. Es gibt keinen Erzähler, keine Off-Stimme. Was zählt, ist der verletzliche, verletzte Mensch. Eine Lehrerin, die damals den Tätern und nicht den Opfern glaubte, ringt um Fassung, als sie sich zu ihrem Fehler bekennt.

Christoph Röhl hatte Mühe, einen Sender für sein Projekt zu gewinnen. Das Thema sei schon "durch", hieß es. Für die Betroffenen wird es das nie sein. Schließlich zeigte 3sat Interesse und bringt den Dokumentarfilm an diesem Dienstag spät. Davor läuft der dänische Spielfilm Das Fest. Darin legt ein Sohn das grausame Geheimnis seiner Familie offen und spricht bei einer Feier über die sexuelle Gewalt des Vaters. Es ist kein geruhsamer Abend auf 3sat. Das Publikum sollte nicht wegsehen.

Und wir sind nicht die Einzigen, 3sat, 22.25 Uhr.