TV-Talk Beckmanns "Sportschule", der Lichtblick dieser EM

"Wenn man nicht um Mitternacht etwas Beklopptes senden kann, wann dann?": Reinhold Beckmann zwischen Nico Patschinski (l.) und Tim Wiese.

(Foto: Thorsten Jander/WDR)

Ein missglücktes Turnier geht zu Ende. Was bleibt? Isländer, Motten und Reinhold Beckmanns retrofuturistische Anarchistenrunde.

TV-Kritik von Gerhard Matzig

Das war es also: Portugal ist Europameister und der Siegtorschütze heißt leider nicht Sigþórsson, sondern Éder. Er widmet das Tor bezeichnenderweise nicht dem Pumuckl, sondern seiner, ja, Wahnsinn, "Mentaltrainerin" - und man selbst sitzt da, auf dem in langen Nächten durchgegähnten Sofa, betrachtet mit leeren Augen die verirrten Motten auf dem Rasen von Paris und ist den Tränen fast so nahe wie der alleinerziehende Vater Ronaldo.

Dass Portugal gewinnt, eine Mannschaft mit der Ästhetik und fußballerischen Ambition eines Mörtelrührers, ist die passgenaue Schlusspointe einer grausam missglückten EM. Gewonnen hat der trostlose Effizienz-Fußball, gewonnen haben Funktionäre, Wettanbieter und Mentaltrainer. Und wahrscheinlich, in der Tipprunde im Büro, ein Typ, der sich "Vollpfosten96" nennt. Es ist alles so traurig.

"Der Fußballgott ist ein Arschloch"

Weshalb jetzt vom einzigen Lichtblick dieser EM zu reden ist: von Reinhold Beckmanns "Sportschule". In seiner Abschlussrunde auf ARD war in der Nacht zum Montag angesichts des Betonpreises 2016, der an Portugal geht, zu hören, was man gern auch in einer der sonstigen Expertenrunden gehört hätte: "Der Fußballgott ist ein Arschloch."

Würde man Oliver Kahn so einen Satz zutrauen? Niemals. Würde der irre Verschwörungstheoretiker Hartmann, der Wut-Waldi bei Lanz, so eine Einsicht haben? Geschenkt. Oder einer dieser smarten Managertypen, die den Fußball an die Algorithmen ihrer Überspielzählmaschinen delegieren? Sicher nicht - die sind so gottlos wie der Grottenkick dieser risikoaversen, depressiv verstimmten Lass-uns-mal-schön-zu-null-spielen-EM.

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Wer sich dagegen etwas getraut hat: Reinhold Beckmann. Seine retrofuturistische Geisterbeschwörung in der Sportschule von Malente ist der Beweis, dass es noch Ideen und Risiken im deutschen Fernsehen gibt. Und dazu Gespräche und Expertisen, die nicht so berechenbar sind wie der Defensivfußball dieser EM. Genau deshalb ist die "schlechteste Fußballsendung der Welt" (Beckmann über Beckmann) so gut gewesen. Und genau deshalb wurde sie auch nach allen Regeln der Empörungskultur gebasht.

Ein einziges Mal durfte man das Gefühl haben, die ARD bestehe nicht nur aus grummelnden Gremien

Der Stern: "Beckmanns Sportschule ist ein Desaster." Die Welt: "schauderhaftes Nachklappformat". Die Zeit: "Deprimierend ungebildet rekapitulierte Moderator Reinhold Beckmann Deutschlands kärgliche Fußballhistorie . . ." Der Spiegel: "Wie viele Idiotien soll diese Welt noch aushalten?" Bei so viel Einigkeit ist Misstrauen angebracht.

Man kann sich gut vorstellen, wie die gleichen Kritiker den Trailer zu "Twin Peaks" gefunden hätten: schauderhaft, deprimierend, kärglich . . . Tatsächlich konnte man von Beckmann und Youri Mulder sehr viel mehr lernen als von Kahn & Welke, die von Mal zu Mal mehr an Waldorf & Statler erinnerten. Die "Sportschule" war deshalb so interessant, weil sie keiner Regie gehorchte. Weil sie Überraschendes auch dort bot, wo das Scheitern so nahe liegt wie Ronaldos Tränen. Weil man einmal, ein einziges Mal nur, das Gefühl haben durfte, die ARD bestehe nicht nur aus grummelnden Gremien, sondern auch aus Anarchisten. Aus Mumm. Aus Ideen.

Das Risiko aber besteht nun mal auch aus der Möglichkeit des Scheiterns. Wer das nicht mag, soll sich am Betonpreis 2016 erfreuen. Beckmann ist kein Desaster, sondern nur jemand, der nichts zu verlieren hat. Das Beste an der EM 2016? Die Isländer, die Motten und Malente. Am Ende gibt es eigentlich nur zwei Einsichten: Der Fußball war so miserabel wie nie zuvor. Und die Kritiker haben genau das Fernsehen, das sie verdienen.

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