TV-Nachtkritik: "The Voice of Germany" Die neue Lena heißt Ivy

Viel Lob hatte es für die erste Staffel von "The Voice of Germany" gegeben. Es sei die "etwas andere Casting-Show". Unser Autor hatte da so seine Zweifel. Und wurde beim Finale live im Studio eines Besseren belehrt.

Eine kleine Nachtkritik von Carsten Janke, Berlin

Es ist kein Vergnügen, ein Live-Publikum im Fernsehstudio zu sein. Man muss drei Stunden sitzen und davon zwei Stunden klatschen. Wenn man sich hinstellt, erwischt einen vielleicht der Kamerakran. Man darf nicht raus, es zieht, man erschrickt sich jedes Mal, wenn die Konfetti-Kanonen knallen. Hinter jeder der schwarzen Studiokulissen sitzen fünf Techniker mit Laptops und unheimlich lauten Funkgeräten. Von den Stimmen der Casting-Kandidaten bekommt man kaum etwas mit, da der Sound nicht aufs Publikum ausgerichtet ist. Ist eben Fernsehen.

Dieser Text sollte ein Verriss werden. Zu viel Lob hatte die erste Staffel des Kuschel-Castings von The Voice of Germany schon bekommen, weil es nicht so fies war wie das von Dieter Bohlen. Deshalb ignorierten Journalisten die Widersprüche im Konzept der Sendung, die sinkenden Quoten und sogar das fragwürdige Abstimmungssystem im Finale. Am Anfang hatte alles ausgesehen wie eine sichere Sache. Doch dann kam Ivy Quainoo.

Egal, welches Orakel man befragt hatte, Umfragen, iTunes, Facebook oder sogar Wettbüros - alle sahen entweder Michael Schulte, den süßen Lockenkopf mit Liedermacher-Qualitäten, oder Max Giesinger, den badischen Sunnyboy mit Rehblick vorne.

Die anderen beiden Finalistinnen waren Kim Sanders, Vollblutprofi und früher Sängerin bei der Band Culture Beat und Ivy Quainoo, 19 Jahre alt, Abiturientin aus Berlin - das einzige "Talent" im Finale von The Voice, das nicht schon Plattenvertrag oder Konzerterfahrung mitbrachte.

Die ganze erste Staffel über gab es diesen Widerspruch zwischen Konzept und Wirklichkeit bei The Voice. Wo eigentlich die "unentdeckten Talente" gesucht werden sollten, traten lauter Vollprofis mit Berufserfahrung auf, soviele , dass ein Kritiker der FAZ schon vorschlug, die Sendung solle doch statt The Voice of Germany eher Die zweite Chance heißen.

Das Publikum durfte entscheiden

In der letzten Sendung mussten die vier Kandidaten jeweils drei Auftritte absolvieren: allein, zusammen mit ihrem Coach und zusammen mit einem bekannten Musik-Star. Die Entscheidung, wer gewinnt, sollte zum ersten Mal dem Publikum überlassen werden. Die Coaches durften nur noch kommentieren. Als Zuschauer konnte man entweder per Anruf abstimmen, per SMS oder, und das war neu, per iTunes-Download. Wer sich also im Laufe der letzten Woche für 1,29 Euro die Single seines Kandidaten heruntergeladen hatte, der zählte in der Abstimmung soviel wie zwei Telefonanrufe für jeweils 56 Cent während der Sendung.

Und die Anrufer wirbelten das Feld während der Sendung ganz schön durcheinander. Kim Sanders tat, was sie nach eigenen Aussagen von ihrem Coach Nena empfohlen bekommen hatte ("Sex, Sex, Sex"). Zusammen sangen und hüftwackelten die beiden so viel, wie der Krachersong Love Shack es hergab. Im ersten Zwischenstand goutierten das die Anrufer und wählten die Frankfurterin vorbei an den beiden Favoriten nach vorn.

Die Kombination von iTunes- und Telefonabstimmung war finanziell und medienrechtlich geschickt, angesichts der Probleme von Unser Star für Baku. Die Sendung von ARD und Pro Sieben hat derzeit Ärger mit den Landesmedienanstalten wegen der "Blitztabelle". Das Live-Ranking von Kandidaten setze die Anrufer unter einen "künstlichen Zeitdruck", eine Methode für die der Quizsender 9Live schon hohe Strafen hatte zahlen müssen. Bei The Voice konnten sich die Fans eine Woche lang in aller Ruhe für ihre Kandidaten ruinieren.

Der magische Moment

Die Publikumslieblinge Max und Michael sangen nun ihre Duette mit den britischen Popstars Katie Melua und Ed Sheeran. Doch konnten sie mit ihren Songs nicht genug Boden gutmachen für das, was dann kam. Der viel zu oft beschworene "magische Moment".

Ivy Quainoo sang mit der britischen Band Florence and the Machine den Song "Shake It Out". Sie tat das mit einer Leichtigkeit und Stimmgewalt, dass man wusste: Das war's. Die Jury war sprachlos. Ein Sitznachbar im Presseblock verschickte unauffällig eine Abstimmungs-SMS von seinem eingeschmuggelten Handy. Die Kritik schwieg.

Es gab noch ein paar weitere Darbietungen. Dann kam der goldene Umschlag. Werbepause. Herzschlagfinale. Händchenhalten. Entscheidung: Ivy Quainoo wird mit 19 Jahren erste Voice of Germany. Die jüngste Finalteilnehmerin mit der geringsten Bühnenerfahrung hat es allen gezeigt und gewinnt einen Plattenvertrag. In diesem Moment geht das Konzept der Sendung endgültig auf. Ein neue Casting-Show hat sich etabliert. Die Zeiten des "Rüpel-Castings" sind deswegen aber nicht vorbei. The Voice of Germany hat zwar ein neue Zielgruppe aufgetan. Es wird die bestehenden Casting-Shows aber nicht ersetzen.

Die zweite Staffel wird noch dieses Jahr beginnen. Auch für die Kandidaten der ersten Staffel soll es weitergehen. Rea Garvey kündigte an, mit seinem Schützling Michael Schulte schon bald auf Tournee zu gehen. Keiner soll sich plötzlich wie ein "Ex-Talent" fühlen. Das Kuscheln geht weiter.