TV-Messe Im Überfluss

Allein aus den USA kommen in diesem Jahr 400 neue Fernsehserien. So viel kann niemand gucken. Geht das "Goldene Zeitalter des Fernsehens" zu Ende? Ein Besuch auf der Mipcom in Cannes.

Von Karoline Meta Beisel

Je dicker ein Teppich, desto weicher ist er. Allerdings: Je dicker ein Teppich, desto mehr Wasser kann er auch aufsaugen. Die dicksten Teppiche der Côte d'Azur liegen in den feinen Hotels an der Croisette in Cannes. Sie erinnerten die ganze Woche daran, dass es am Samstag Tote gegeben hatte, auch in Cannes, nach einem Unwetter, bei dem in zwei Stunden soviel Regen fiel wie sonst in zwei Monaten: vor Nässe quietschende Teppiche im Marriott, feucht müffelnde Teppiche im Majestic, zusammengerollte, tropfende, herausgerissene Teppiche vor den Boutiquen. In kaum einem Hotel funktionierte das Internet, fast alle Geldautomaten der Stadt waren außer Betrieb, und die Strände nachts voller Ratten, die sich aus ihren unterirdischen Behausungen geflüchtet hatten. Aber The Show must go on, das kann man in diesem Fall tatsächlich so sagen: Trotz des Unwetters trafen sich dort in dieser Woche mehr als 13 000 Fernsehschaffende zur Programmmesse Mipcom.

Eine der Fragen, die in Cannes am heftigsten debattiert wurde, war allerdings die, wie lange the Show wohl noch on geht. Das viel beschworene "Goldenen Zeitalter des Fernsehens", mit seinen anspruchsvollen Fernsehserien, den epischen Erzählungen über Kleinstadtfamilien und siebenmal um die Ecke gedachten Kriminalgeschichten aus Skandinavien, geht es gerade zu Ende, weil es einfach zu viele gute Serien gibt? Droht das Fernsehen an seinem eigenen Erfolg zu ersticken?

Wenn Twitter erklärt, wie man im Netz Werbung macht, hören die TV-Manager besonders gut zu

Bis zum Ende des Jahres starten allein in den USA 135 neue Fernsehserien. 400 werden es in diesem Jahr insgesamt sein. Vor ein paar Jahren waren es noch weniger als die Hälfte, manche sprechen schon von einer "Blase". Wer soll das alles gucken?

Die Antwort der Senderbosse, die nach Cannes gereist waren, um für noch mehr dieser Fernsehserien zu werben, war amerikanisch-optimistisch. "Die Ansprüche an das Programm steigen, aber für das Publikum ist das fantastisch", sagt Sophie Turner Laing, die Chefin des Konzerns Endemol Shine. "Von gutem Fernsehen gibt es jedenfalls noch nicht zu viel", sagt Mark Gordon, der als Produzent für Serien wie Criminal Minds, Grey's Anatomy oder Ray Donovan verantwortlich ist. Mike Hopkins, der Chef des US-Streamingdienstes Hulu, spricht schon gar nicht mehr vom goldenen, sondern sogar vom "Platin-Zeitalter" des Fernsehens.

Auf den ersten Blick sieht man nicht, dass die Fernsehmesse Mipcom in diesem Jahr unter einem Unwetter zu leiden hatte.

(Foto: Valery Hache/AFP)

Tatsächlich stellt sich aber mit immer größerer Dringlichkeit die Frage, wie es einem einzelnen Sender oder Produzenten in diesem steten Grundrauschen von neuen Shows gelingen kann, auf die eigene Sendung aufmerksam zu machen. Darum war es sicher kein Zufall, dass zu den bestbesuchten Veranstaltungen der Messe jene gehörte, bei der Mitarbeiter von Twitter erklärten, wie man mit Hilfe dieses sozialen Netzwerks möglichst laut und effizient für das eigene Produkt trommeln kann. Obwohl der Vortrag in einem der größeren Auditorien des Festivalgebäudes stattfand, waren alle Plätze belegt, die Fernsehmanager standen an den Wänden und saßen auf den Treppen, um ein bisschen Web-Weisheit mitzunehmen. Auch wenn sich der mit einer kunstvollen Präsentation und vielen Statistiken gespickte Vortrag auf die recht banale Erkenntnis zusammenschrumpfen lässt: Je mehr die Leute darüber reden, umso besser.

Wie sehr die Sender und Produzenten nach Stoffen suchen, die sich möglichst leicht unter die Leute bringen lassen, sieht man auch den Serien an, die auf der Messe vorgestellt wurden. Etwa ein Fünftel dieser neuen Stoffe gehört in die Kategorie Abklatsch, also Bekanntes im neuen Gewand. So wie die Mysteryserie Akte X, die von 1993 bis 2002 schon einmal mit großem Erfolg lief - und jetzt, 13 Jahre nach der letzten Fernsehfolge, eine neue Staffel bekommt, die auf der Messe Premiere feierte. Auch Filme werden zu Serien, so wie Minority Report oder 12 Monkeys.

Die spannendste der gezeigten Produktionen kommt im November auch nach Deutschland

Knapp zehn Prozent der neuen Ware basiert auf bekannten Büchern - jeder Leser ist auch ein potenzieller Zuschauer. Die BBC zeigt im kommenden Jahr etwa die aufwendige sechsteilige Tolstoi-Serie Krieg und Frieden, die viele Zuschauer schon alleine aus Bequemlichkeit angucken werden, um den Roman zu kennen, ohne ihn dafür lesen zu müssen. Andrew Davies, der aus dem Riesenwälzer ein Drehbuch machte, verspricht: "Ich habe die besten Stellen rausgesucht." Aus England kommen auch die Frankenstein Chronicles. Die Serie erzählt extrem düster, aber auch packend Mary Shelleys Geschichte von einem jungen Wissenschaftler, der einen künstlichen Menschen erschaffen wollte. Hauptdarsteller Sean Bean (Game of Thrones, Herr der Ringe) spielt darin einen Polizisten, der der Sache auf die Schliche kommt.

Trotz des Unwetters trafen sich in Cannes in dieser Woche mehr als 13000 Fernsehschaffende.

(Foto: Valery Hache/AFP)

Die spannendste der gezeigten Produktionen basiert hingegen auf einer wahren Geschichte, und zwar auf einer, die nicht schon einmal als Roman oder Serie oder Film erzählt wurde: The Last Panthers, eine britisch-französische Zusammenarbeit der Bezahlsender Sky und Canalplus. In der sechsteiligen Serie, die halb in Marseille, halb auf dem Balkan spielt, geht es um die berüchtigten Juwelendiebe "Pink Panthers". Nach einem spektakulären Raub in Frankreich sind nicht nur andere Ganoven und ein Polizist (Tahar Rahim aus Ein Prophet), sondern auch eine Versicherungsdetektivin (Samantha Morton) hinter den Diamanten her. Auch wenn dem Messepublikum nur die erste Folge gezeigt wurde - so viel Lob bekam kein anderes Werk. In Deutschland wird The Last Panthers im November zu sehen sein.

Dass der Plan, vor allem solche Geschichten zu Serien zu machen, die sowieso schon jeder kennt, um damit das Publikum anzulocken, einen großen Haken hat, konnte man auf der Messe allerdings auch schon klar erkennen. Dass die neue Staffel von Akte X in Cannes Premiere feiern würde, hatte man vorher stolz per Pressemitteilung verkündet. Und tatsächlich war der Saal am Dienstagabend, anders als bei den wenig bekannten Last Panthers, rappelvoll. Bloß garantiert ein großes Publikum noch keine hohe Qualität. Wie die Agenten Scully und Mulder in ewig langen Dialogen die UFO-Verschwörungstheorien aus den alten Folgen auf die aktuelle Weltlage ummünzen, das glänzt weder gold- noch platinfarben. Es wirkt sehr bemüht und ist in Wahrheit stinklangweilig.