TV-Kritik zu Günther Jauch Wie Sarrazin an Steinbrück scheitert

Thilo Sarrazin legt ein neues Buch vor, Günther Jauch bietet ihm für seine Thesen eine Bühne. Doch punkten kann Sarrazin nicht, denn Talkshow-Kontrahent Peer Steinbrück weiß, was die Zuschauer wollen: nicht Holocaust und Euro-Krise, sondern hemdsärmeligen Optimismus.

Eine Nachtkritik von Nakissa Salavati

Nur ein einziges Mal applaudieren die Zuschauer der Talkrunde Günther Jauchs an diesem Sonntagabend wirklich herzlich. Nicht als es um den Euro, um Griechenland oder einen Buchskandal geht - sondern um eine rote Krawatte.

Seine Ansichten hätten sich nicht geändert, "auch nicht der Schlips, den ich gerade trage", sagt Peer Steinbrück. Er grinst dabei. Zuvor hatte Jauch das Video einer älteren Sendung eingeblendet, in der der Ex-Finanzminister dieselbe Krawatte trug wie in diesem Moment.

Steinbrück hat verstanden: Die Zuschauer wollen nur ein bisschen Information, dafür aber ganz viel gute Laune. Sein Gegenüber, Thilo Sarrazin, hingegen, jongliert lieber eine Stunde lang mit Zahlen - und versucht, sehr berechenbar einen Skandal zu provozieren.

Brauchen wir den Euro wirklich? fragte Jauch im Titel seiner Sendung, versehen mit dem provokanten Zusatz: Thilo Sarrazin gegen Peer Steinbrück. Damit sitzen sich nicht nur zwei SPD-Genossen, sondern vor allem zwei Gegensätze gegenüber: gesunder Menschenverstand versus Faktenverliebtheit, Optimismus versus Endzeitstimmung.

Wir brauchen den Euro, findet Steinbrück, er sei die tragende Säule der europäischen Integration. Er glaube an eine gemeinsame Lösung der Krise, schließlich sei er "ins Gelingen, nicht ins Scheitern verliebt". Sarrazin entgegnet: "Alle Elemente der europäischen Integration sind von der Währung unabhängig."

Das deutsche Wachstum hänge nicht vom Euro ab, der Export ginge vor allem in Länder außerhalb der Euro-Zone. Dann zitiert er Zahlen und sieht dabei etwas traurig aus. Dabei könnte sich der ehemalige Berliner Finanzsenator freuen: Günther Jauch bereitet ihm mit seiner Sendung die Bühne, für sein neues Buch zu werben. Am Dienstag wird es erscheinen, Titel: Europa braucht den Euro nicht.

Explosive Verbindungen

Stilistisch, so lässt sich aus den bereits bekannten Auszügen entnehmen, schließt es an sein Vorgängerwerk an: In Deutschland schafft sich ab hatte Sarrazin Deutschland bereits 2010 eine düstere Zukunft vorausgesagt: Statistiken würden beweisen, dass Zuwanderer dem Land mehr Kosten als Nutzen brächten.

In dem neuen 400-Seiten-Werk führt Sarrazin wieder viele Zahlen auf. Vor allem aber stellt er, kaum überraschend, eine explosive inhaltliche Verbindung zwischen äußerst unterschiedlichen Themen her: Holocaust und Euro. Die Verteidiger gemeinsamer europäischer Staatsanleihen seien, so zitiert ihn der Focus, "getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben". Schon vor der Sendung gab es dafür parteiübergreifend Kritik, Finanzminister Wolfgang Schäuble etwa nannte die These "himmelschreienden Blödsinn" und "verachtenswertes Kalkül".