TV-Kritik zu Anne Will und Amazon "Herde schwarzer Schafe"

In ihrer nächtlichen Talkrunde macht Anne Will Amazon und die Leiharbeit zum Thema. Es sind die üblichen Fronten. Wünschenswert wäre mehr Empirie statt Emotion.

Von Sabrina Ebitsch

Anne Will hätte es sich leicht machen können. Sie hätte sich zum Steigbügelhalter ihrer freien ARD-Kollegen machen können, die in den vergangenen zwei Wochen mit ihrer Dokumentation über die miserablen Arbeitsbedingungen der Leiharbeiter bei Amazon - zu Recht - für Aufsehen gesorgt haben. Es war ein gefundenes Fressen. Und die Moral ist auf ihrer Seite.

Wie klar die Fronten in ihrer Talkrunde Mittwochnacht gelagert waren, fing die Studiokamera fast nebenbei ein: als nur die Hände der Talkshow-Gäste zu sehen waren, die in diesem durchinszenierten Kammerspiel mit verteilten Rollen die der üblichen Verdächtigen einzunehmen hatten. Da saßen auf der sinnigerweise vom Publikum aus linken Seite Günter Wallraff, für die Zuschauer als Enthüllungsjournalist ausgewiesen, Diana Löbl, neben Peter Onneken Ko-Autorin der Dokumentation, und Paul Schobel, seines Zeichens ehemaliger Fließbandarbeiter, Betriebsseelsorger und fürs Gemütvolle zuständig. Sie alle hatten, leicht vorgeneigt, die Hände ineinander gelegt, allein die Zeigefinger waren auf ihre Gegenüber gerichtet, die Kontrahenten in einem mitunter moralinsauren Schlagabtausch. Was Samy Molcho dazu wohl gesagt hätte?

Die Macht war mit ihnen, allein die vermeintlichen Vertreter des evil empire schlugen sich wacker. Ariane Durian, Bundesvorsitzende des Interessenverbandes deutscher Zeitarbeitsunternehmen, war unter Zuhilfenahme eines hinter den Ohrmuscheln befestigten Lächelns gewappnet mit Zahlen und verwies auf Ehrenkodizes und Beschwerdestellen. Johannes Vogel, arbeitsmarktpolitischer Sprecher der FDP im Bundestag, füllte die Rolle des selbsternannten Pragmatikers und Differenzierers überzeugend aus. Er verwahrte sich gegen "Zuspitzungen", betonte die arbeitsmarktpolitischen Chancen der Zeitarbeit und nahm den Warnern vor "moderner Sklaverei" den Wind aus den Segeln, indem er vor einer Verharmlosung reeller Sklaverei warnte.

"Herde von schwarzen Schafen"

Günter Wallraff, Grandseigneur der Kapitalismuskritik, schnaubte in sein Mikrofon, verwies auf "noch schlimmere" Beispiele als Amazon und führte eine ganze "Herde von schwarzen Schafen" ins Feld. Aber hier, auf den cremefarbenen Sesseln eines Fernsehstudios, musste er als Kronzeuge des Investigativ-Journalismus hinter seinen eigenen Geschöpfen verblassen. Das Publikum sah Wallraff, aber es dachte an Ali Levent Sinirlioğlu, der selbst Missstände in Unternehmen an die Öffentlichkeit brachte.

Löbl, die mit ihrem Film eine bundesweite Debatte anstieß und die Konsumgroßmacht Amazon zumindest in Erklärungsnöte brachte, wirkte verloren, eine Ritterin der Sozialkritik in glänzender Rüstung, aber von trauriger Gestalt. Als Anne Will eine provokante Parallele von den Leiharbeitern zu Löbls eigener unsicherer Situation als freie Journalistin zog, brachte sie Privates ins Spiel statt Arbeitnehmerrechte.

Und weil Anne Will es sich nicht leicht machen wollte, weil sie dem Vorwurf der öffentlich-rechtlichen Selbstbeweihräucherung gehorsam vorauseilte, machte sie es ihren Gästen schwer. Indem sie einen Einspieler zeigte, der möglicherweise Wills Glaubwürdigkeit stärkte, aber die ihrer ARD-Kollegin ein wenig untergrub - sicher nicht im Interesse der Sendung.

Will nennt Wallraff "ein bisschen verlogen"

In dieselbe Kerbe schlug die Frage an Wallraff, ob er bei Amazon einkaufe. Und der auf sein Verneinen hin eingeblendete Videobeweis, dass allerdings seine Bücher über den Online-Händler verkauft werden, was Will als "ein bisschen verlogen" kommentierte, während sie ihre klammheimliche Freude über den redaktionseigenen journalistischen Coup nur mühsam unterdrücken konnte.

Gewünscht hätte sich der Zuschauer angesichts einer seit Längerem andauernden vielschichtigen und auch an diesem Abend oft widersprüchlichen Debatte mehr Empirie statt Emotionen, einen objektiven Einspielfilm mit Daten und Fakten zur Zeitarbeitsbranche, ihrem volkswirtschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Nutzen einerseits und ihren Gefahren für die Beschäftigten andererseits.

Gewünscht hätte man sich statt eines Kirchenvertreters einen von Verdi oder der Arbeitsagentur, die sich weniger persönlich, aber kritisch und fundiert zu den Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern hätten äußern können. Und einen Abgesandten von Amazon. Das amerikanische Online-Warenhaus hat aber weder jemanden schicken noch sich dazu äußern wollen. Es setzt damit weiter auf Aussitzen, wie auch Süddeutsche.de mehrfach erfahren musste, und verlängert doch nur das PR-Desaster. Ein Umstand, den der Internetriese hinnimmt. Denn höchstwahrscheinlich hat der Bericht - trotz allem medialen Trubels - nichts an den Umsätzen des Unternehmen verändert.