TV-Kritik zu Anne Will Es geht nicht um Merkels Zukunft - sondern um unsere

Anne Will ARD/NDR - ANNE WILL, 'Streit um ersten linken Ministerpräsidenten - Ist Deutschland schon so weit? ', am Mittwoch (5.11.14) um 22:45 Uhr im ERSTEN. v.l.: Oskar Lafontaine (Die Linke), Anne Will (Moderatorin), © NDR/Wolfgang Borrs, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter NDR-Sendung bei Nennung 'Bild: NDR/Wolfgang Borrs' (S2). NDR Presse und Information/Fotoredaktion Tel: 040 4156-2306 oder -2305, pressefoto@ndr.de

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Kriegt Merkel die Kurve? Das fragt Anne Will. Und nicht einmal Oskar Lafontaine will den Kanzlerinnen-Mörder geben.

TV-Kritik von Hannah Beitzer

Aus der Flüchtlingskrise eine Merkel-Krise machen, das wollte keiner

Wenn Umfragen eineinhalb Jahre vor einer Wahl immer so aussagekräftig wären, dann wäre die Piratenpartei 2013 mit 12 Prozent der Stimmen in den Bundestag eingezogen. Kein Grund also, dass man sich nach dem letzten ARD-Deutschlandtrend, der die Beliebtheitswerte von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem niedrigsten Stand seit 2011 sah, schon auf den Rücktritt der Kanzlerin vorbereiten muss. Kein Grund aber auch, dass man als Talkshow-Redaktion nicht trotzdem fragen kann: Merkel im Umfragetief - Kriegt sie noch die Kurve?

Darüber sprach Anne Will mit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, Linke-Politiker Oskar Lafontaine, dem Schriftsteller und Alt-68er Peter Schneider und Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der Stern-Chefredaktion. Nach der ersten halben Stunde kann man sich schon fragen: Wohin genau soll sie die Kurve kriegen? Und wozu überhaupt? Denn aus der Flüchtlingskrise eine Merkel-Krise machen, das wollte keiner der Diskutanten.

Ursula von der Leyen findet die Politk der Chefin natürlich auch super

"Ich bin von der Richtigkeit ihrer Politik zu 100 Prozent überzeugt", sagt etwa Stern-Journalist Jörges. Und: "Ich glaube nicht, dass sie stürzt. Ich glaube nicht, dass sie zurücktritt. Das wäre nicht ihre Art, Verantwortung so auszuweichen." Wenn überhaupt müsste eine Revolte aus der eigenen Partei kommen - und da sei nun mal kein konsensfähiges Ersatzpersonal für Merkel vorhanden.

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Und ihr "Wir schaffen das", das ihr heute so viele ankreiden? "Eine großartige Geste", findet Schriftsteller Schneider, "sie kann sehr stolz darauf sein." Ursula von der Leyen findet die Politik der Chefin natürlich auch super und ist auf Nachfrage von Will ausdrücklich nicht beleidigt, dass mit dem mangelhaften Ersatzpersonal in der Union auch sie gemeint ist. Linke-Politiker Lafontaine gibt immerhin sehr offen zu, dass er sich eine Einschätzung, was die Kanzlerin vorhat, nicht zutraut.

Kritik an der SPD

Um Viertel nach zehn, und das sagt ganz schön viel, spricht die Runde mit weit größerer Verachtung von der SPD als von Angela Merkel. Die sei, so formuliert es Schneider, eine Partei, die "ihrem besten Mann einen Waschlappen ins Gesicht schmeißt und dann sagt, man soll den wählen". Das mit dem besten Mann - womit Sigmar Gabriel gemeint ist - kann da nicht so stehen bleiben und wird von Jörges gekontert mit: "Der schmeißt sich einfach auf die Seite der Mehrheit und sagt: Ich denke so wie ihr." Außerdem geht es auch wieder viel darum, wie sich die SPD von Merkel die Sozialdemokratie klauen lässt.

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Für die Agenda des Abends ist das eine etwas unglückliche Ausgangssituation. Aber Anne Will, ganz pain in the ass, bohrt und bohrt - und auf einmal sind sie da, die kleinen Erkenntnismomente, für die es sich dann doch lohnt. Die haben allerdings wenig mit der Frage zu tun, wie die politische Zukunft von Angela Merkel aussieht. Sondern eher damit, wie es im Inneren dieses Landes aussieht und was das für die Zukunft bedeutet.

"Wir können doch nicht sagen: Hier sind keine Fehler passiert"

Denn es gibt ja schon eine Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die sich in den schlechten Umfragewerten niederschlägt. Schneider ist der Erste aus der Runde, der kippt - und aus dem diese Unzufriedenheit herausbricht. Die Hälfte der Leute, die hier seien, hätten ja überhaupt kein Anrecht auf Asyl. Aber abschieben könne man viele auch nicht, weil ihre Heimatländer sie nicht zurücknähmen. "Wir können doch nicht sagen: Hier sind keine Fehler passiert. Das merken die Leute doch." Er mutmaßt etwas später, dass die Kanzlerin CSU-Chef Horst Seehofer nur deswegen seine ständigen Attacken durchgehen lasse, weil er sage, "was 80 Prozent der Leute denken".

Diese 80 Prozent hat er vermutlich aus dem Deutschlandtrend, der der Sendung ihren Titel gibt. 81 Prozent der Menschen glauben demnach, die Regierung habe die Flüchtlingskrise nicht im Griff. Nun sind die Befragten mit Sicherheit nicht alle auf einer Linie mit Seehofer, wie es Schneider suggeriert. Unter ihnen dürften zum Beispiel auch Flüchtlingshelfer sein, die finden: Der Staat muss sich mehr kümmern. Oder Leute, die der Regierung übel nehmen, dass sie den Familiennachzug von Syrern einschränken will. Das sind laut Umfrage 49 Prozent, nur 44 Prozent finden den Schritt gut.

Oder die Unzufriedenen könnten erschreckt sein von der sprunghaft ansteigenden Gewalt gegen Flüchtlinge, von Anschlägen, die kaum aufgeklärt werden - ein Thema übrigens, das den Talkshow-Redaktionen weit weniger wichtig ist als die Angst der Deutschen vor den Migranten. Elf Mal hatten die bis vergangene Woche in diesem Jahr schon Gewalt von Flüchtlingen zum Thema. Kein einziges Mal die Gewalt gegen sie.