Von Alexander Kissler

Als ob Blinde Blinde führen: Zum vierten Mal setzt RTL Erziehungsprobleme in der amerikanischen Wüste frei - und therapiert Kinder samt Eltern .

Im vergangenen Jahr nutzte alle Inszenierungskunst nichts: Teenager außer Kontrolle - Letzter Ausweg Wilder Westen endete im Debakel. Selbst bei freundlichster Zählweise erweckten nur zwei der sechs Teenager den Eindruck, die RTL-"Cheftherapeutin" Annegret Noble habe sie mit ihrer "Erlebnistherapie" zu besseren Menschen gemacht.

Monument Valley, AP

Monument Valley, Arizona/Utah: In erhabener Landschaft zähmt RTL rüpelige Teenager. (© Foto: AP)

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Die Härtefälle Jenifer und Kevin waren nach sieben Folgen noch immer grundlos aggressiv, nahmen ihre Eltern nicht ernst und verwünschten die Therapeutin. Der kiffende Moritz blieb den Drogen und der Freude am Zerstören zugewandt, während Andreas unverändert gerne die Schule schwänzte. Anlass zur kleinen Hoffnung gaben nur Crissi, die Punkerin, und Linda, die ehemalige Schlägerin. Sie sah Mutterfreuden entgegen.

RTL hat daraus Konsequenzen gezogen. Wieder und zum bereits vierten Mal schickte man sechs Teenager mit "riesigem Gewaltpotential" in die Wüste. Wieder werden sie dort von Annegret und ihrem Team empfangen, und wieder trägt die Chefin sehr lange Zöpfe und diesen seltsamen Cowboyhut aus Stroh. Wenn sie spricht, klingt es noch immer, als sei Kermit in den Stimmbruch gekommen und rede in Zeitlupe. Anders aber als im Vorjahr ist das Vorstrafenregister der Problemkinder überschaubar - nur die jeweils 16-jährigen Patrick und Nathanael sind regelmäßig Gast auf der Polizeiwache.

Neu ist auch die für eine spätere Folge versprochene Einbindung der Erziehungsberechtigten. Ein "Elterncoach" wurde engagiert. Die reife Generation soll ebenfalls in der Wüste den inneren Frieden finden.

"Der Messerstecher", "der Gangster" und "die Außenseiterin"

Wie bei dem anderen erfolgreichen Coaching-Format von RTL, Deutschland sucht den Superstar, müssen Etiketten her, damit die Probanden jederzeit erkannt werden. Patrick ist "der Messerstecher" aus Köln, Nathanael "der Gangster" aus Hamburg. Beide sollen Meisterrüpel darstellen. Nathanael sieht sich als Rapper, braucht aber Joints, um rappen zu können. "Ich bin ein Psychopath, ich bin ein Psychopath", schnurrt es dann aus ihm hervor. Fehlt das Geld, "geht man halt raus" und holt sich welches. Für die RTL-Kamera darf er nachstellen, wie er einen Gleichaltrigen bedroht und ausraubt. Das sei nun mal "der einfachste Weg".

Im Monument Valley an der Grenze zwischen den US-Bundesstaaten Utah und Arizona soll den Probanden alles schwer gemacht werden. Sie schlafen im Freien und bekommen nur bei guter Führung ein Zelt und bei noch besserer Führung auch Mahlzeiten, die den Namen verdienen. Nur unter diesen Bedingungen, erklärt die spindeldünne Annegret, könne die "Reise nach innen" wirklich anfangen: "Wir gehen von der Oberfläche weg und fangen an zu buddeln." Der oberschlaue Off-Kommentator ergänzt, sehr von oben herab: "Erst wenn die Teenager ihr wahres Gesicht zeigen, können sie therapiert werden."

Unwahr also soll alles sein, worunter die Eltern gelitten haben. "Messerstecher Patrick" etwa - die kriminelle Neigung trägt er wie eine Berufsbezeichnung - behauptet, er habe mit 13 Jahren begonnen, "bisschen so mit Drogen zu dealen." Wenn er etwas kaputtschlägt, fühlt er sich gut, "da steigt mein Adrenalinpuls". Mit der Handykamera, macht RTL uns weis, filmte er den nächtlichen Diebstahl eines Mofas. Sekundenkurz sind die Aufnahmen zu sehen.

Patrick, das Großmaul, schildert den Klau als Notwendigkeit. Alle Busse waren schließlich schon weg. Wie sonst hätte man nach Hause kommen sollen? Kaum ist Patrick in den USA angekommen, weigert er sich, seine Zigaretten abzugeben. Er wird ausfallend - wie überhaupt die ganze zähe Veranstaltung eine Einführung ist ins gegenwärtige Gossendeutsch. Natürlich wissen die Betreuer Rat: "30 Minuten Squash reichten, um den 16-Jährigen wieder ruhig zu stellen."

Das schlichte Rezept, Widerstand durch körperliche Anstrengung zu brechen, wird viele Male angewandt. Als Patrick Annegret beschimpft, sie sei ein "hängengebliebenes Kind" und kess die Frage nachschiebt: "Bist Du zwölf im Schädel?", werden die Dinge endlich, wie sie werden sollen, also ungemütlich. Patrick droht ("ich hau' die einfach alle kaputt"), Patrick droht noch einmal, er werde in Deutschland das Leben der "Riesenmissgeburt" - gemeint ist Annegret - zur Hölle machen, und Patrick macht sich auf in Richtung Freiheit.

Nach acht Stunden per pedes unter "kühler Sonne, kühlem Wind" gibt er auf. Putzige Bilder liefert die gescheiterte Flucht. Aus rechtlichen wie voyeuristischen Gründen verfolgen zwei Therapeuten im Auto mit der Kamera das böse Kind. Im Schritttempo zuckelt die Limousine durch die Wüste, immer den bulligen Patrick im Visier: als führten Blinde Blinde.

Sinnbild "Elternkamera"

Patrick wird mit der Trennung von der Gruppe bestraft. Immerhin hat er gelernt, "das einzige, was funktioniert, ist mitzumachen". Damit wäre der Leitsatz des Gouvernantenfernsehens benannt, wie es momentan triumphiert im Boom der Ratgeber- und Coachingformate. Das Fernsehen gefällt sich in der Rolle des Oberzensors, der den prinzipiell Überforderten heimleuchtet und ihnen Gehorsam abverlangt.

Sinnbild für den Drang zum Überwachen und Strafen ist die "Elternkamera". RTL hat sie in die Zimmer der Problemkinder eingebaut. Sie sollen jene (echten oder inszenierten) Bilder liefern, die das Rabaukentum der Teenies belegen. Die "Elternkamera" ist zugleich ein Herrschaftsinstrument. Sie zeigt an, dass das Fernsehen den Alltag seines Personals kontrolliert und im Gegenzug verspricht, Teenager wieder "in Kontrolle" zu bringen.

Bei der 13-jährigen Jana mit dem Rollennamen "Die Außenseiterin" zeigt die "Elternkamera", wie das aggressive Moppelchen "Hau ab, hau ab!" schreit und ein Bücherregal umwirft. Der solchermaßen Vertriebene, Stiefvater Joe, revanchiert sich mit dem (improvisierten oder aufgeschriebenen) Satz, manchmal könnte er Jana "aus dem nächsten Fenster schmeißen". Ohne die Alarmanlagen an den Türen halte er es mit ihr nicht aus. Die Mutter weint. Geigen schluchzen im Off, als sie erklärt, sie habe wegen Jana "stressbedingte Neurodermitis". Die Wüste sei die letzte Chance.

Wie auch für die 16-jährige Kira, "das Straßenkind", für die 14-jährige Janine, "die Superzicke", die alles und jeden wüst beschimpft, und für "Dauerkiffer Robin". Der verschlafene Typ spielt pausenlos Egoshooter-Spiele am Computer und erklärt (spontan oder animiert), manchmal denke er daran, die Mutter "so wie im Spiel einfach nur abzuknallen." Diese gibt einen traurigen Hinweis auf den Anfang der Entfremdung: "Die Probleme fingen an mit der Trennung, mein Mann ist untergetaucht vor zwei Jahren." Von den sechs zerrütteten Familien übrigens besteht nur jene von Janine aus den leiblichen Eltern, dreimal erzieht die Mutter allein, zweimal heiratete sie neu.

Wann immer die Hauptpersonen lachen, fallen die Posen von ihnen ab. Dann sind sie tatsächlich, was ein Vater lakonisch ausspricht, "die Kinder" und nicht "Teenager außer Kontrolle". Lange darf solche Besinnung nicht währen. RTL, Deutschlands erfolgreichster Kontrolleur, hat die nächste Eskalationsstufe längst im Köcher.

Annegret Noble kündigte am Schluss siegesgewiss an: Die "Reise ins Innere" sei "eine der schwersten Reisen, die ein Mensch jemals machen kann". Vielleicht. Auf jeden Fall sind Reisen vor dem Auge der Kamera immer und überall Expeditionen an der Oberfläche. Alles wird äußerlich - erst recht, wenn Teenager toben, Eltern weinen und eine naseweise Therapeutin immer Bescheid weiß.

Mehr ist da nicht.

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(sueddeutsche.de/jja)