Eine kleine Nachtkritik von Rupert Sommer

ARD-Kuschelstunde: Ein artiges Kleeblatt plaudert vor sich hin - und verpasst ein ernstes Gespräch mit Scientology-Aussteigern.

"Wie man eine Sendung zäh verquasselt" - zugegeben, das wäre nicht wirklich der Titel, mit dem Reinhold Beckmann im großen Stil Zuschauer angelockt hätte. Nur ehrlich wäre er gewesen. Die Plauderrunde des häufig gescholtenen, gelegentlich brillanten ARD-Talkers hatte sich zur vorgerückten Stunde zwei völlig disparaten Themenkreisen zugewandt - und es nicht geschafft, die selbstverursachte Spannung zwischen dem breiig-breiten Dur-Hauptsatz ("Wahre Freundschaft") und dem gehetzten Nachspiel in Moll ("Gehirnwäsche") auszuhalten.

Reinhold Beckmann, Elke Heidenreich (rechts) und Mariele Millowitsch, Fotos: AFP, Reuters, Getty, Grafik: sueddeutsche.de

Kunterbunte Plauderrunde bei Reinhold Beckmann - unter anderem mit Elke Heidenreich (rechts) und Mariele Millowitsch. (© Fotos: AFP, Reuters, Getty, Grafik: sueddeutsche.de)

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Der Abend, zu dem mit Elke Heidenreich, Heiner Geißler sowie Mariele Millowitsch und Walter Sittler ein artiges Kleeblatt geladen war, begann mit Kalendersprüchen und Poesiealbum-Weisheiten und endete mit dem kernigen Paukenschlag-Schlusswort des ehemaligen CDU-Generalsekretärs, das nach allzu viel Kuschel-Parlando so von keinem Beteiligten mehr zu erwarten war: "Wir müssen uns schon unterscheiden von einer Diktatur", polterte der allgegenwärtige Marathon-Talkshowgast und wies damit - oben auf der von Beckmann doch noch in Windeseile aufgetürmten Betroffenheitswelle - alle Forderungen zurück, Scientology in Deutschland zu verbieten.

Eierlikörrunden

Von der umstrittenen Psychosekte, deren schlimme Praktiken die ARD am kommenden Mittwoch im Hauptabend-Problemfilm Bis nichts mehr bleibt beleuchtet, war nämlich auch noch die Rede bei Beckmann. Und selten wurde ein ernster Gesprächsanlass, zu dem die Redaktion gleich drei Scientology-Aussteiger, die vermutlich mehr Berichtenswertes zu erzählen gehabt hätten zwischen Eierlikörrunden und allgemeinem Beipflichten zu Binsenwahrheiten, fahrlässiger vertändelt. Oder kann man eine Debatte wirklich ernst nehmen, die der Gastgeber selbst derart flappsig einleitet: "Lass uns mal versuchen, in das Thema einzusteigen." Damit verlangte sich Beckmann selbst nicht allzu viel Anstrengung ab.

Einen Versuch, die Mechaniken von Scientology zu verstehen, wäre es durchaus wert gewesen, hätte man Bruce Hines seine Gedanken in Ruhe ausführen lassen. Der US-Amerikaner war immerhin 30 Jahre Mitglied der Bewegung und hatte sich als Prominenten-Betreuer vor seiner Abwendung von Scientology persönlich um die seelische Linientreue etwa von Hollywood-Star Nicole Kidman gekümmert. Dennoch kam er selten dazu, seine exklusiven Inneneinsichten ausbreiten zu können, bevor ihm nicht schon wieder Beckmann oder seine Gäste vorschnell ins Wort fielen. Nur gerne hätte man aus erster Hand Gehaltvolles über das fragwürdige "Auditing", die systematische Verhör- und Seelenbefragungspraxis der Sekte, erfahren.

Stattdessen durfte Elke Heidenreich zum bei Scientology eingesetzten "E-Meter"-Gerät greifen - und die von Mariele Millowitsch knallhart formulierte Frage "Kannst Du Heiner Geißler wirklich gut leiden?" beantworten. Der Zeiger des Messgeräts zitterte - zur allgemeinen Erheiterung. Nur wenige Minuten später wurde es in der aufgekratzten Runde fast mäuschenstill: Heiner von Rönn, an dessen Lebensgeschichte weite Teile des erwähnten ARD-Aussteigerdramas angelehnt sind, schilderte, wie sich seine zwei Söhne, die sich beide von klein auf in der Obhut von Scientology befinden, eiskalt von ihm abgewandt hatten.

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