TV-Kritik Stefan Raab macht ein Wunder möglich

Endlich weg vom Bohlen-Quark bei Castingshows: Pro-Sieben-Mann Raab brilliert bei der Suche nach Eurovisions-Sängern.

Von Hans Hoff

Es ist schön, wenn die Letzte endlich mal wie die Erste aussieht. Es dauerte nur wenige Minuten am Schluss der ersten Ausgabe von Unser Star für Oslo, da schien schon festzustehen, wer am 29. Mai nach Norwegen fährt und Deutschland beim Eurovision Song Contest vertritt.

Als Zehnte trat an diesem Abend auf Pro Sieben die 18-jährige Lena aus Hannover an und ließ mit ihrer Interpretation des Adele-Songs My Same nicht nur bei den 1000 Zuschauern im Kölner Schlag-den-Raab-Studio das große Staunen einsetzen. Mit so einer mag man zittern, wenn es um Punkte geht, mit so einer mag man fiebern, mit so einer lässt sich punkten weitab der Künstlichkeit von Deutschland sucht den Superstar.

"Ich freu' mich so hart", platzte es aus ihr heraus, als sie als Erste von fünf Kandidaten erwählt wurde und in die nächste Runde einziehen darf. Noch hat sie den achtteiligen Vorentscheid nicht gewonnen, aber die Teilnehmer der nächsten Runden müssen schon einiges aufbieten, um dieses Mädchen aus dem Rennen zu schlagen. Und wenn es jemand schaffte, wäre es der Sache nur dienlich. Dann würde jemand nach Oslo fahren, der noch mehr Ausstrahlung hätte als Lena.

Das ist schwer vorstellbar. Aber es war ja auch nie vorstellbar, dass einer wie der Pro-Sieben-Moderator Stefan Raab die ARD ans Händchen nimmt und in eine neue Dimension des Castingwettbewerbs führt. Weg von der aufs unbedingt Spektakuläre geeichten Superstar-Seifenoper, hin zur Qualität.

Dabei war es durchaus nicht so, dass Lena konkurrenzlos gewesen wäre. Da waren so einige, die lange aussahen, als würden sie als Erste auf die Zielgrade einbiegen. Der Hotel-California-Sänger Cyril Krueger etwa, der gleichfalls mit seiner unbekümmerten Art überzeugte und dem abgenudelten Song der Eagles etwas gab, was vorher selten zu hören war.

Oder die kraftvolle Würzburgerin Meri, die den Agnes-Song Release Me barfuß absolvierte und dabei an die Grand-Prix-Gewinnerin von 1967 erinnerte, Sandie Shaw mit Puppet on a String. Die 27-jährige Katrin, die mit Nobody Knows von Pink bei der Sache war, wirkte wie vom Himmel gefallen und provozierte die Frage, wo sie denn wohl in Zeiten der tagtäglichen Popstar-Auslese so lange gesteckt haben mag.

Und dann gab es da noch Kerstin aus Osnabrück, die mit ihrer Julia-Timoschenko-Frisur und dem sanften Evanescence-Lied My Immortal komplett neben der Plastikpoplinie anderer Shows lag und trotzdem weiterkam.

Es war dies auch ein Signal, dass in dieser Show so manches möglich ist, dass in Deutschland mehr Musikalität steckt als bisherige Wettbewerbe zu zeigen wagten. Plötzlich erscheint das Ziel greifbar, dass dieses Land einen Vertreter nach Oslo schicken könnte, für den man sich nicht wie in den Vorjahren schämen muss.

Zu verdanken ist das eindeutig Stefan Raab, der sich mit ganzer Kraft in die Sache geworfen hat, der dafür gesorgt hat, dass sich begabte Kandidaten bei ihm aufgehoben und nicht veräppelt fühlen. Vorgeführt werden bei ihm nur die ewigen Selbstdarsteller und Verhaltensauffälligen, die immer auftauchen, wenn irgendwo auf einer Kamera das Rotlicht leuchtet.

Der Gewinner: Das deutsche Fernsehen

Raab hat auch dafür gesorgt, dass die Kulisse höchst imposant ausfiel. Wer auf solch einer reich und phantasievoll beleuchteten Bühne singen darf, hat schon gewonnen und braucht die Kommentare der Jury ebenso wenig zu fürchten wie ein frühes Ausscheiden. Dabei fielen die Meinungen der Juroren durchaus moderat, manchmal sogar ein bisschen zu unkritisch aus. Dass da Marius Müller-Westernhagen und Yvonne Catterfeld saßen, ist sicherlich auch den exzellenten Verbindungen eines Stefan Raab zu verdanken.

Er hat sich ins Zeug geschmissen und einen hervorragenden Start hingelegt, der lange vergessen ließ, dass es nur ein solcher war. Schließlich geht es noch weiter. Am nächsten Dienstag stehen erneut zehn Kandidaten auf der Bühne, und nur fünf werden weiterkommen. Die aus den ersten beiden Shows gesiebten zehn Sangestalente stehen dann in der übernächsten Woche auf der Bühne und müssen sich durchschlagen - bis zum deutschen Finale am 12. März in der ARD.

Ob Lena dort landet, muss sich zeigen. Ein Gewinner steht indes schon fest. Das deutsche Fernsehen. Es will zeigen, dass es auch ohne Dieter Bohlen und seine Mätzchen geht. Mit Raab wird das gelingen.

Der Tausendsassa

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