TV-Kritik "Schlag den Raab" Torwand des Grauens

Der "Heiland von ProSieben" ringt nach fünf Stunden und 47 Minuten Kandidat Alexander nieder. Für den endet der Kampf um eine Million Euro mehr als tragisch - dem Zuschauer zeigt er jedoch, warum Stefan Raab immer noch so unverschämt erfolgreich ist.

Eine Nachtkritik von Matthias Kohlmaier

Hoffentlich ist Alexander Bitsch kein Fan des Aktuellen Sportstudios. Falls doch, dürfte ihm diese Freude nach seiner Teilnahme bei Schlag den Raab gehörig vergällt worden sein. Fast sechs Stunden hatte sich der 32-Jährige am Samstagabend mit Entertainer Stefan Raab gemessen, diesen trotz zwischenzeitlichen Rückstands sogar in das entscheidende 15. Spiel gezwungen - an der Torwand versagten ihm jedoch um 2.02 Uhr nachts die Nerven.

Schlag den Raab zum 33. Mal: Schnapszahlen bringen Stefan Raab anscheinend Glück

(Foto: obs)

Doch lange Zeit lieferte die 33. Ausgabe von Schlag den Raab kaum nennenswerte Höhepunkte. Stefan Raab - im Vorspann als "Heiland von ProSieben" angekündigt - gab routiniert den nimmermüden Ehrgeizling, war bei Wissensaufgaben gewohnt souverän und bewies beim Kartfahren auf einer Eisfläche, dass er bei Spielen, die ein motorisiertes Gefährt jedweder Art erfordern, sowieso kaum zu schlagen ist.

Kandidat Alexander, zweifacher Familienvater und Zollhundeführer von Beruf, stellte sich, nunja, schnell als Herausforderer der blasseren Sorte heraus. Bei so absurd kindlichen Spielen wie "Ringetauchen" machte er zwar in jeglicher Hinsicht eine bessere Figur als Raab, dessen Zustand ein hervorragendes Beispiel zum Thema "Schnappatmung" gewesen wäre. Den Eindruck, dass er den frischgebackenen "Vierer-Wok-Weltmeister" (was es nicht alles gibt) wirklich würde besiegen können, vermittelte er indes nicht. Wenigstens bis zu Spiel Nummer Neun.

Als es dann auch noch darum ging, eine Tischdecke möglichst schnell wegzuziehen, ohne dabei die darauf platzierten Gläser umzuwerfen, schien Kandidat Alex urplötzlich wieder eingefallen zu sein, dass er ja noch an diesem Abend Millionär werden könnte. So meisterte er die Übung mit 65 Gläsern, gewann das Spiel und stieß zum ersten Mal an diesem Abend einen lauten Jubelschrei aus.

"Sudden Death" an der Torwand

Raab, der beim Tauchen bewiesen hatte, dass von der "Killerplauze" von einst kaum noch etwas übrig ist, konterte aber sofort und zog - scheinbar - uneinholbar davon. Alexander aber zeigte, dass er tatsächlich die "Kampfsau" in sich trägt, die ihm ein Bekannter bei der Vorstellung der Kandidaten zu Beginn attestiert hatte. Das Publikum hatte er in dem, was bis dato ein David-gegen-Goliath-Kampf gewesen war, ohnehin auf seiner Seite.

Unter lauter Anfeuerung triumphierte Alex bei den Spielen 13 und 14 und zwang Raab, der sich vermutlich schon beim Feierabend-Mettbrötchen gewähnt hatte, in ein alles entscheidendes Spiel. Und dann, ja, dann wurde die Torwand ins Studio gefahren. Nicht die Torwand mit zwei engen Löchern - rechts unten und links oben - wie sie der sportaffine TV-Zuschauer seit Dekaden von den Kollegen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens kennt. Nein, es war eine Torwand, bei der die Blamage eines der beiden Kontrahenten vorherzusehen war. Nur eine Aussparung hatte sie, und zwar genau in der Mitte - ein Loch von etwa eineinhalb Metern Durchmesser. Jeder Fußball-Kommentator hätte wahrscheinlich sofort das altgediente Bild vom Scheunentor herausgekramt.

Einen "Sudden Death" kündigte Moderator Steven Gätjen, der sich auch in dieser Ausgabe nicht vom alles vereinnahmenden Raab emanzipieren konnte, an. Heißt: Wer zuerst verschießt, verliert - in Raabs Fall ein kleines Fünkchen Stolz, im Fall von Kandidat Alexander eine Million Euro.

Der Ball sprang wieder heraus: Aus, vorbei!

Das Los bestimmte Raab zum ersten Schützen - und der zelebrierte diesen einen Schuss als gelte es vielleicht nicht sein Leben, aber wenigstens seine Sportlerehre. Mehrfach nahm er Anlauf und stoppte kurz vor der Vollstreckung wieder ab, nur um den Ball schließlich mit einem sichtbar ängstlichen Lupfer doch noch ins Ziel zu befördern.

Jetzt musste Alexander treffen, um im Spiel zu bleiben und exakt fünf Stunden und 47 Minuten nach Beginn der Übertragung geschah das, was den Kandidaten wohl auf einem Gutteil seines weiteren Lebenswegs begleiten wird. Ohne das Raabsche Brimborium schoss er den Ball Richtung Torwand, der klatsche an die Innenkante des Ziels und sprang wieder heraus. Aus, vorbei! Raab sprang jubelnd durch das Studio, Alexander sank zu Boden und stand erst auf, als seine Ehefrau und kurz darauf sogar Raab selbst ihm wieder auf die Beine halfen.

Vielleicht macht genau dieses - für den Kandidaten so unbarmherzige - Finale der Sendung ihren Reiz aus. Und befriedigt auf nahezu archaische Weise den Voyeurismus der Zuschauer. Andererseits, ob man Raab nun leiden kann oder nicht, menschelt es natürlich ungemein. Da trifft nicht der millionenschwere Entertainer auf einen austauschbaren Niemand - es begegnen sich zwei Kontrahenten auf Augenhöhe. Ein Konzept, mit dem Raab sogar den konkurrierenden Dieter Bohlen mit DSDS ärgern kann.

Am 14. April tritt Stefan Raab das nächste Mal an, für seinen Gegner geht es dann um 1,5 Millionen Euro. Und Raab selbst: Der wird abermals in die Rolle des ehrgeizigen Mannes in den mittleren Jahren und weit von seiner Topform entfernt schlüpfen. Die Rolle, in der ihn die Zuseher nach wie vor gern sehen, weil es keinen Anlass gibt, an ihrer Echtheit zu zweifeln.