Sarrazin treffe einen Nerv, heißt es immer wieder. Er spreche reale Probleme an. Ebendiese Probleme zu analysieren und Lösungswege zu diskutieren, wäre eine dankbare Aufgabe für Illners Gäste gewesen. Stattdessen kramte die iranischstämmige Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan in Statistiken. Sie kritisierte Sarrazin für seine wissenschaftliche Methode, griff seine Aufbereitung von Datensätzen über die Sozialstaatskosten für Migranten an und präsentierte andere Zahlen. Doch auch sie selbst rechnete alsbald auf fragwürdige Weise gegen Sarrazin an - und in die Sozialhilfeempfängerstatistik der Deutschen die Rentenempfänger kurzerhand mit ein. Frühkindliche Bildung, soziale Mischung an Schulen, die Herdprämie - all diese Begriffe fielen in Illners Stuhlkreis, weiterverfolgt wurden sie nicht.

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Die Runde lobte die lebendige Debatte und die Fortschritte der Integrationsbemühungen. Eidgenosse Köppel hielt sich da natürlich bedeckt. Henryk M. Broder, deutsch-jüdischer Zyniker und Publizist, hakte in vertraut polemischem Ton in die Debatte ein, spitzte sie zu: "Komm mir nicht mit der Mehrheit, Cem", sagte er etwa in Richtung des Grünen-Vorsitzenden. "Wenn in Frankfurt 300 Flugzeuge problemlos landen, ist das nichts. Aber wenn eines auf dem Kopf landet, ist das eine Nachricht." Und leitete so über zu Ehrenmorden in Deutschland.

Broder labte sich so an seiner eigenen Polemik, dass diese, gepaart mit väterlicher Herablassung (für Özdemir) und altherrenhaften Machismo (für Foroutan) immer wieder mit ihm durchging. Das war bisweilen zwar durchaus von Unterhaltungswert. Die Debatte aber zerstob. Verflachte zusehends, wenn auch nicht wirklich ganz unerwartet.

So bemühte Broder in Replik auf Ulrichs "Brunnenvergifter"-Bild (für den rassistischen Beiklang der Debatte) den "inneren Reichsparteitag" im Hinblick auf Foroutans Rechnereien, Goebbels angebliche Äußerungen über Statistik ("Traue keiner, die du nicht selbst gefälscht hast"). Und entdeckte für Merkels Sarrazin-Schelte gleich noch einmal den Reichspropagandaminister: Die Äußerung, sein Buch sei nicht hilfreich, stamme "von einer Kanzlerin, die nicht gewählt wurde, um literarische Empfehlungen zu geben". So Broder. "Das grenzt an die übelste Tradition der Reichsschriftkammer."

Das nun wieder brachte den Grünen Cem Özdemir in die seltene Situation, für die Kanzlerin in die Bresche springen zu müssen (was Broder sichtlich genoss).

Ein weiteres interessantes Randthema aus der Sarrazin-Debatte schien wie gemacht für diese Runde: Identität. Mit Özdemir, Broder und Foroutan saßen die idealen Gesprächspartner für eine intelligente Diskussion dieser Problematik beisammen - wohl auch, so viel Unterstellung sei erlaubt, nicht rein zufällig, oder allein aufgrund ihrer beruflichen Eignung. Doch vor lauter Political Correctness überschlugen sich die Wissenschaftlerin und der Politiker fast vor Beteuerungen, für alle Deutschen zu sprechen. Keinesfalls für Muslime oder Türken oder Iraner, sondern ausschließlich als kontextfreie Citoyens. Ein bisschen weniger Konformismus hätte möglicherweise spannenden Identitätsdebatten Raum geben können.

Talkerin Illner mag es vielleicht nicht geschafft haben, ihre Gäste zu tiefgreifenden inhaltlichen Diskussionen zu bewegen. Aber die Sendung hat Material in die Luft gepustet, und das reichlich.

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  1. "Komm mir nicht mit der Mehrheit, Cem"
  2. Sie lesen jetzt Broders Machismo
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(sueddeutsche.de/bgr)