Friedmans blubbernde Replik versuchte er einzufangen: "Aber Sie haben doch Humor!" Es nutzte nichts. Der Publizist gab den Gekränkten, Sarrazin aber den Musterschüler, der am letzten Schultag zum Erstaunen aller mit dem Schwamm nach dem Lehrer geworfen hat und nun nicht weiß, ob er auf sich stolz sein soll.

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Die Fernsehmoderatorin Asli Sevindim, vorgestellt als Muster geglückter Integration, hielt Sarrazin entgegen, er biete "keine einzige Lösung" an, "definitiv rassistisch" und beleidigend seien dessen Auffassungen von der vererbten Bildung. Getreu seinem altpreußischen Lebensmotto - "ich renne nie weg, ich schlage keine Haken" - beharrte Sarrazin: Alle menschlichen Eigenschaften hätten auch eine Erbkomponente, "das ist weltweiter Stand der Intelligenzforschung".

Fortan setzte ein ums andere Mal Sevindim ihre Familiengeschichte den Migrationsstatistiken entgegen. "Sie rechnen mich permanent raus", sagte sie schließlich zum Herrn ganz links außen, müde und enttäuscht ob ihrer eintönig gewordenen Einwände.

Dem Moderator war's recht, er ließ es laufen zwischen Renitenz und Resignation, schuf allerdings sinnvolle Zäsuren und war so ein souveräner Lotse durch das Gestrüpp der Abneigungsverhältnisse.

Einmal gelang seiner Redaktion ein Coup. Sarrazins Berechnungen für ein schrumpfendes und islamisiertes Deutschland liegen demnach starre Zuwanderungs- und Geburtenraten zugrunde. Hätte man nach dieser Methode von 1890 auf 2010 hochgerechnet, müssten heute 253 Millionen Menschen in Deutschland leben. Zwei Weltkriege und die Antibabypille, lernten wir, verhinderten den Triumph der Statistik.

Ganz unkriegerisch endeten 75 muntere und erhellende Minuten. Sarrazin rezitierte, ganz im Stile einer Figur von Loriot'schen Gnaden, angespannt und putzig und schalkhaft zugleich, Wandrers Nachtlied von Johann Wolfgang von Goethe. Es hat im Buch, "in meinem Buch" (Sarrazin), eine gewisse Bedeutung: "Über allen Gipfeln ist Ruh."

Uns aber bleibt ein Abgrund: Michel Friedman nämlich fragte den Kontrahenten, als dieser seine Leseintelligenz bezweifelte, woher Sarrazin denn wissen könne, welches Buch er, Friedman, gelesen habe - "oder sind Sie mein Schatten?"

Damit werden wir alle noch eine Weile leben müssen, mit dem Schatten namens Sarrazin.

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  1. Renn doch nicht immer weg!
  2. Krawalliger Bescheidwisser
  3. Sie lesen jetzt TV-Moderatorin Sevindim: "Sie rechnen mich permanent raus"
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(sueddeutsche.de/cmb/odg/jobr)