ZDF-Talkerin Maybrit Illner versucht sich an einem eigenen runden Tisch zum Kindesmissbrauch. Nur die Doppelrolle eines Star-Autoren macht ihr zu schaffen.
Am heutigen Freitag konstituiert sich der "Runde Tisch zum Kampf gegen Kindesmissbrauch". Unter Vorsitz von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder und Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sollen 61 Teilnehmer die Lage klären, Missbräuche benennen, Maßnahmen beraten. Am Abend zuvor lud Maybrit Illner ins ZDF-Studio. Sehr holprig war die Veranstaltung betitelt: "Geht der Verrat an unseren Kindern immer weiter?"
Führte durch eine gelungene Sendung zum Thema Kindesmissbrauch: Moderatorin Maybrit Illner (© Foto: ZDF)
Anzeige
Ähnlich diffus wie die Überschrift wurde die Talkshow dann Gott sei Dank nicht. Es war von keinen anonymen Mächten, die "unsere Kinder" irgendwie bedrohen, die Rede. Ganz konkret wollte die Moderatorin wissen: Wo haben "Kirchen, Schulen, Sportvereine, Familien" versagt? Was ist zu tun, um künftig Schaden an Leib und Seele von den Nachgeborenen fernzuhalten?
Am weitesten fortgeschritten ist die Debatte bei den kirchlichen Würdenträgern. Fast schon eine Routine des Klagens und Anklagens, der Reue und Scham hat sich ausgebildet. Per Einspieler wurden die Erkenntnisse über das Klosterinternat Ettal zusammengefasst. "15 Patres und auch weltliche Erzieher" sollen vor 1990 über 100 Kinder gequält und missbraucht haben.
Der ehemalige Sonderermittler Thomas Pfister saß neben dem ehemaligen Schüler Hubert Kastner. Der ermittelnde Rechtsanwalt sprach vom "Gewaltregime" hinter Klostermauern und lobte den Münchner Erzbischof Reinhard Marx für seine "Geradlinigkeit". Kastner hingegen, vor 47 Jahren brutal geschlagen (nicht missbraucht), verblüffte mit dem Satz: "Mit einer großzügigen Abfindung könnte ich es absegnen." Unklar blieb, wie ernst der Satz gemeint war: Schmerzensgeld statt Aufklärung?
Die Familienministerin warb dafür, hinter der Institution nicht den einzelnen Täter aus dem Blick zu verlieren. Erst beim zweiten Teil jedoch, der sich dem sexuellen Missbrauch an weltlichen Internaten widmete, an den allesamt reformpädagogisch orientierten Einrichtungen Schloss Salem, Birklehof und Odenwaldschule, setzte sie eigene Akzente: "Der Becker, der Becker, der findet Jungens lecker."
Pädagoge Bueb und die "Führungsfrage"
Kristina Schröder kennt den Reim, in den die Schüler der Odenwaldschule das Entsetzliche kleideten, den systematischen sexuellen Missbrauch von Knaben durch den damaligen Internatsleiter Gerold Becker. Pädagoge Bernhard Bueb, der Salem geleitet und an der Odenwaldschule unterrichtet hatte, war Illners Expertengast hierzu.
Wenig überraschend urteilte der Bestsellerautor (Von der Pflicht zu führen), es handele es sich um eine "Führungsfrage". An "gut geführten Schulen" gebe es keine Übergriffe. Ein solches Wortmanöver landet aber bei der Tautologie. "Gut geführt" meint dann nichts anderes als die Abwesenheit von Übergriffen.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
- Thema
- Nachtkritik RSS
- Talkshows und Politmagazine Jauch und der Rest: Der Preis ist heiß 16.02.2010
- FC Bayern: Einzelkritik Robben, der Regelbrecher 15.05.2010
- TV-Kritik: Germany's Next Topmodel Cindy-rella und der Ritter 14.05.2010
- TV-Kritik: Maybrit Illner Als Josef Ackermann die Kernschmelze entdeckte 14.05.2010
- Stilkritik: Samantha Cameron Sexy Sam - die Frau mit dem Tattoo 12.05.2010
- Schlag den Raab Leute, ich brauche Gegner! 10.05.2010
- TV-Kritik: Anne Will FDP-General Lindner - kein böses Wort 10.05.2010
Bundespräsident Gauck in Jerusalem
Mißbrauchsgericht
Es fragt sich hier reihum und hoch tief durch allerlei Schichten und Interessen-/Gewissenskonflikten, ob der passive Christ die Kirche hängen ließ.
Der eine und der andere fragt, ob er es mit auch ist, daß die Medienwelt so verkommen ist. Denn er kaufte sich so manche Bildausgabe, Abendzeitungsblatt am Wochenende, die nicht entsprechend entsorgte, denn als WC-Papier mißbrauchte.
Ob er wohl dann beteiligt ist!
Und auch noch die und den hat es da, der sagt sich oder, weil bescheiden, fragt sich, ob Medien selbst, das eine Blatt, das andere auch, die Fälle just gehortet hat, um sie beizeiten auszukramen und als Rummelaktion ganz groß herauszuprangern.
Die Republik ist aufgerührt, der Teich ist nicht mehr Teich, Triebe, die auf einmal unanständig! Hat es doch der Fälle viele.
Schlechtgewissen bis ins Ministerium: da mag der eine am runden Tisch mit Knoten im Halse verbissen sitzen: kommt das nun auf, habe ich notfalls Freunde zu Überhauf?
Die Republik oh Schreck, ist so sauber nicht. Es zeigt sich nun, der Dreck von oben ist auch der von unten. Kann dazu der Redakteur noch äußern, er sei ohne Beschwer, er sei nicht der, er sei rein geblieben, ja fast ein Zölibatenkandidat?
In der Republik knistert die Flimmerkiste abendlich: welches Opfer hat es nun geschafft, sich zu wagen an die Öffentlichkeitschaft, um endlich Gehör zu bekommen bei der zuständigen Staatsanwaltschaft.
Gute Nacht!
___________________ r.kendel
Frau Illner ist stets auf der Höhe ihrer eigenen Anforderungen und gestaltet eine Diskussion zielorientiert. Doch das gelingt auch nur, wenn kompetente Gesprächspartner zur Stelle sind und nicht solche Fehlbesetzungen wie die Ministerin Schröder. Sie verfügt weder über glaubwürdige Sachkompetenz noch für dieses Amt unbedingt notwendige Lebenserfahrung. Der Weihbischof hatte große Schwierigkeiten, sich mit den aktuellen und berechtigten Kriiken an seinem Unternehmen - die katholische Kirche - auseinander zu setzen. Er ist ein extrem konservativer Kirchenmann und geört einer KAste überalteter Männer der Kirche an. Dieses wollen weder Veränderungen noch haben sie den Mujt, öffentlich zu den Systemfehlern und Schwächen der Kirche Stellung zu nehmen.
An Beispielen und Beweisen über schreckliche Sexualverbrechen in der Kirche und ihren Einrichtungen mangelt es nicht. Einen Mangel gibt es aber an der Würdigung zahlloser Opfer. Die Schändung kann durch Gebete und schwülstig formulierte Entschuldigungen nicht aus der Welt geschafft werden.
Der Runde Tisch kann auch keine Lösung sein. Er ist keine demokratische Instanz, die über Kompetenz und materielle Mittel zur Hilfe ujnd Selbsthilfe verfügt. Es werden also wieder einmal lange Sitzungen stattfinden und Apelle und Bitten formuliert, die dann gnädig von Organen der Regierung gebilligt werden können.
So schlimm das alles war, was die Opfer erdulden mussten, aber nach dem gestrigen Illner-Talk hat sich in mir der Verdacht verstärkt, dass sich viele der Betroffenen auf die Abfindung freuen, die sie erwarten.
Wenn es sowas geben sollte, darf diese nicht aus Steuergeldern bezahlt werden. Da müssen die Institutionen in die Taschen greifen.
Um die Gründe für sexuellen Missbrauch zu finden muss man ziemlich tief Graben. Im Mittelalter war es zum Beispiel üblich das Kinder schon mit 7 oder 12 Jahren heirateten und Kinder bekamen.
selbst im 18ten Jahrhundert war es noch usus das 40 oder 50 jährige Männer 16 oder 17 Jährige Ehefrauen hatten. Die bekanntesten Beispiele dafür sind Goethe und der Staatskanzler Fürst von Metternich dessen Ehefrauen waren 16 und17. Ich finde daher das sexueller Missbrauch eigentlich immer nur eine Frage der gesellschaftlichen Normen ist.
"Ob es daran lag, dass man dann zu den neuralgischen Punkten unserer Gesellschaft hätte vorstoßen müssen - dem Status der Frau, dem Bild des Mannes und dem vorzeitigen Ende der Kindheit?"
Der neuralgische Punkt liegt eher bei der Verkindlichung der Kindheit als deren vorzeitigen Ende, eher bei der Zuschreibung von zunehmender Unmündigkeit als bei dem Zugeständnis von mehr Selbständigkeit und mehr Selbstbestimmung. Im Gegenteil: der beste Schutz vor Missbrauch wäre das Gewähren von mehr Selbstbestimmung für Kinder. Nur selbstbewusste Kinder können sich angemessen wehren.
Doch auch dies ist z. T. Augenwischerei, denn Missbrauch von Kindern war seit eh und je Teil der abendländischen Geschichte. Und Ehre, wem Ehre gebührt: Es war das aufkommende Christentum, das solchen Praktiken entschieden entgegen trat. So geißelte der Kirchenvater Clemens von Alexandrien (etwa 150-215)
"die weit verbreitete Sitte, unerwünschte Kinder auf Müllplätzen auszusetzen beziehungsweise sie einzig zum Zwecke des Verkaufs aufzuziehen. 'Mich jammern die unzüchtig aufgeputzten Kinder in den Händes der Sklavernhändler', schreibt er über diese Kreaturen, die mir ihrer Spezialausbildung in sexuellen Praktiken noch die ausgefallensten Lustbedürfnisse ihrer Erwerber zu befriedigen haben ... Justinus (klagte), wie 'Rinder, Ziegen Schafe und Pferde' würden diese Kinder zum profitträchtigen Nachschubmaterial für die florierende Kinderprostitution aufgezogen."
(E. Pagels: Adam, Eva und die Schlange. Die Theologie der Sünder. Rowohlt 1991 S. 124)
Wer wirklich zum Kern vordringen will, muss schon tiefer graben als bis zu den 68ern oder zur kath. Kirche.
Paging