Der Ex-Neonazi Manuel Bauer erzählt von altbekannten Kober-Techniken der rechtsradikalen Parteien (CDs auf Schulhöfen verteilen), Jurist Battis erklärt die Aufhebung der Gehaltsgrenze zwischen Jugendlichen in Ost und West, Faustkämpfer Schulz berichtet triumphierend, wie er seine Frau "in den Osten rübergeholt" hat und Schauspielerin Marie Bäumer schließlich schwärmt von guten alten DDR-Gepflogenheiten ("Da herrschte noch Zwischenmenschlichkeit und Gemeinschaftssinn").

Anzeige

Kurzum: Dieser Sendung fehlt ein Konzept. Sie gibt es nur, weil Die Grenze vorher lief. Gereicht werden Facebook- und You-Tube-Anekdoten statt tiefgehender Diskussion.

Da kann selbst Meister Kerner nicht helfen, der es bei seinem vormaligen Arbeitgeber ZDF geschafft hat, kleine Skandälchen zu inszenieren oder große Politiker menscheln zu lassen. Hier aber wirkt er gehetzt und angestrengt beim Versuch, eine lockere Sat-1-Unterhaltungssendung mit einer politisch fundierten Debatte zu mischen. Auch wenn alles so ist wie früher beim ZDF, Kerner also hinter einem Arbeitsmöbel thront und die Gäste aufgereiht wie Untertanen dasitzen und aufgerufen werden.

Als Marie Bäumer zur deutschen Vergangenheitsbewältigung gerührt feststellt: "Ich habe mich damit abgefunden, dass mich dieser Schmerz und diese Trauer der deutschen Vergangenheit ein Leben lang begleiten wird", da sind sich alle Gäste einig, dass die historischen Grausamkeiten nicht vergessen werden dürfen. Gastgeber Kerner erzählt daraufhin schnell eine Anekdote über eine italienische Facebook-Seite, die vor wenigen Wochen dazu aufforderte, an Menschen mit Down-Syndrom Experimente wie bei Tierversuchen durchzuführen.

Das Beispiel will nicht ganz in die Diskussion passen. Facebook und You-Tube passen jedoch offenbar zum neuen Kerner-Zielpublikum. Es soll eben alles etwas jünger beim Privatsender Sat 1 sein als bei der Bildungsanstalt ZDF!

Am Ende der Show kann der Kerner-Kreis folgendes Resümee ziehen: Die DDR hatte auch gute Seiten, die oft vergessen werden (Zwischenmenschlichkeit!). Axel Schulz fühlt sich nicht nur als boxender Ossi, sondern hat Forderungen an die Politik (Aufpassen!); Margot Honecker trauert der DDR erwartungsgemäß noch immer nach, ist aber vermutlich ungefährlich für die deutsche Demokratie (Chile!) und Johannes B. Kerner wird wohl auch in Zukunft bei Events den großen Zampano spielen dürfen.

Wer hier an Deutschland dachte in der Nacht, wurde nicht um seinen Schlaf gebracht.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Wie schön war die DDR!
  2. Sie lesen jetzt Anekdoten statt Tiefgang
Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/jja)