TV-Kritik: "Bauer sucht Frau" "Das hält man nicht aus"

Bei RTL werden immer noch Klappkoffer auf braungeblümten Betten gepackt, Briefumschläge mit Leberwurstfingern geöffnet und eine strohblonde Moderatorin begrüßt, als sei man überrascht von ihrem Besuch im Stall. Die siebte Staffel von "Bauer sucht Frau" kann nur noch ein schwuler Pferdewirt retten. Wenigstens auf ihn ist der Sender sehr stolz.

Eine kleine Nachtkritik von Ruth Schneeberger

Kofferpacken ist eine sehr beliebte Sache bei RTL; hässliche Klappkoffer auf braungestreifter oder blaugeblümter Bettwäsche mit ungebügelten Karohemden zu füllen. An gottverlassenen Bahnhöfen zu stehen und zu winken ebenso. Die Sendungen heißen dann Schwiegertochter gesucht oder Jugendliebe - und am Montagabend startete wieder eine von ihnen: Bauer sucht Frau in der nunmehr siebten Staffel.

"Bauer der anderen Art": Kandidat Philipp aus Bauer sucht Frau.

(Foto: (c) RTL / Stefan Gregorowius)

Die Alltäglichkeit der Verrichtungen, die Trostlosigkeit fehlenden Stilgefühls und gerne auch die Unbeweglichkeit in Mimik und Ausdrucksform der Protagonisten sind dabei nicht nur gefilmte Realität. Sie sollen auch die Tiefe der Gefühle kontrastieren, die in Sendungen dieser Art evoziert werden soll. Mit anderen Worten: Je unansehnlicher das Umfeld, desto peinlich berührender wird wohl die Liebe sein, die vor der Kamera für den Zuschauer wachsen soll.

Oder wie sonst wäre es zu erklären, dass Protagonisten komplett jenseits der Kameratauglichkeit oder nicht ohne Untertitel zu verstehen, in aller Öffentlichkeit auf Brautschau gehen sollten? Wäre es zu ihren Gunsten, würde dabei niemand zusehen. Es sind aber pro Staffel bis zu acht Millionen Deutsche, die zuschalten. Und sich noch Jahre danach über Kandidatinnensätze à la "Ich bin fick und fertig" oder unvermittelbare Altbauern und deren öffentlichkeitsuntaugliches Benehmen lustig machen.

Dass sich während der Staffel auch ein paar echte Paare finden, Hochzeiten gestiftet und Kinder gezeugt werden: Geschenkt. Denn worauf es bei RTL ankommt, sind die "besonderen" Fälle, in denen eben nicht alles glatt läuft und die später bei Stefan Raab und anderen Weiterverwurstungsprogrammen medial recycelt werden können. Dafür wird auch mal in Kauf genommen, dass die Kandidaten keine echten Bauern oder die Kandidatinnen keine echten Kandidatinnen sind - Hauptsache, die derangierte Optik passt ins Bild.

Man muss das einmal so deutlich und fern jeglicher Romantik sagen dürfen, denn was RTL in der aktuellen Staffel erneut an Kandidaten zusammengewürfelt hat, kann kein Zufall sein. Die vermeintliche Romantik dient dem Sender nach wie vor nur als Feigenblatt, weiterhin Benachteiligte auf dem Heiratsmarkt zeigen zu dürfen, die selbst nicht merken, mit welchen Mitteln sie einem Millionenpublikum zum Abendbrot serviert werden.

Was für ein Glück für den Sender also, dass sich mit Philipp, dem schwulen Pferdewirt, nun zum ersten Mal ein "Bauer der anderen Art", wie die strohblonde Moderatorin Inka Bause das nennt, vor die Kamera traut.

Er verheißt der zuletzt leicht angeschlagenen Sendung wieder bessere Quote: Einen Kandidaten wie ihn hat Bauer sucht Frau noch nicht gesehen. Nahezu gutaussehend, weder stammelnd noch schnaufend und sogar ohne peinliche Angehörige kommt der 27-Jährige aus NRW daher und wirkt neben seinen diesmal teilweise besonders schwierig zu vermittelnden Kollegen fast wie ein Popstar. Kein Wunder, dass sich auf seinen Aufruf nicht nur die meisten Bewerber der Staffel, sondern auch viele Frauen gemeldet haben.

Noch ein Feigenblatt also, mit dem sich die Sendung neben der Quote eine Existenzberechtigung verschafft: Moderatorin Bause scheut sich nicht, in der anschließenden Extra-Sendung bei Birgit Schrowange zu betonen, es sei hier schon immer darum gegangen, Toleranz für Menschen zu entwickeln, die anders seien. Von wegen.

Auch wenn es in der Tat rührend ist, wie der Vater auf dem Hof den Jungbauern mit den Worten verabschiedet, er solle "den richtigen Mann" mit nach Hause bringen. Weil so eine Szene noch vor ein paar Jahren im deutschen Fernsehen einfach nicht möglich gewesen wäre. Diese Progressivität liegt aber wohlgemerkt nicht an RTL. Homosexuelle sind inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Da fällt die Sender-Toleranz dann leicht.

So bemühen sich die Macher bei dem für ihre Begriffe allzu offensichtlichen "Randgruppen" auf allzu schlimme Klischees zu verzichten und "saubere" Kandidaten auszuwählen. Da darf der brave Philipp zwar verlautbaren, er suche einen Mann, der ihn nehme, wie er sei, wolle ihn aber anschließend auch heiraten. Und es sind weiterhin die anderen Kandidaten, die sich lächerlich machen dürfen, sei es durch steifes Vorlesen ungelenker Fragen und penetrantes Siezen der Auserwählten oder durch "Umtausch"-Wünsche, als seien die angekarrten Frauen Vieh.

Die Reaktion einer Kandidatin auf die allzu offensichtliche Anmache ihrer Konkurrentin, die ihren Bauern schon beim ersten Gruppengespräch auf den Mund küsst, darf deshalb getrost als Fazit der gesamten Sendung gelten. Sie sagte wörtlich und sehr passend: "Das hält man nicht aus."

Konkurrent Sat 1 startet übrigens wegen des andauernden Erfolgs von Bauer sucht Frau noch in diesem Jahr den Versuch, ein sahniges Stück vom Kuchen der peinlichen Kuppelshows abzugraben. Nach gescheiterten Konkurrenzideen wie Gräfin gesucht oder Der Bachelor sollen es vom 6. November an die Dicken sein, die dort auf Brautschau gehen. Schwer verliebt heißt das Format und wird von der derzeit unvermeidlichen Britt Hagedorn moderiert.