TV-Kritik: Anne Will Erst der Film, dann der Ärger

Routiniert legt Sahra Wagenknecht dar, dass sich die Demokratie nicht erpressbar machen lassen dürfe von ein paar Reichen, die mit der Flucht des Geldes drohen. Und Geißler weist darauf hin, dass mit dem Schweizer Geld der deutschen Steuerverkürzer die Bankiers aus Zürich groß spekulieren würden - das sei "Spekulationskapital".

"Das ist doch unfair!"

Nur ein kleiner Einspielfilm der Will-Redaktion lässt den Gast Henkel dann doch die sichergeglaubte Contenance verlieren. Seine schmal gewordenen Augen werden noch schmaler.

"Das ist unfair, was hier passiert, Frau Will", keift er lautstark vor laufenden Kameras. "Karikaturen von reichen Leuten" seien genommen worden, um den Eindruck zu erwecken, Reiche ließen bei der Steuererklärung auch mal fünf gerade sein. Eine "verflixte Fernseheinspielung" nennt Henkel den kurzen Filmbeitrag mit O-Tönen von gutsituierten Bürgern abschließend - und offenbart parallel zu seinem Ärger vor allem seinen Hang zur Kurzatmigkeit, wenn er öffentlich unter Stress gerät.

Es ist der mit Abstand spannendste Moment der Sendung - und genau an diesem Punkt offenbart sie ihre größte Schwäche.

Moderatorin Anne Will gelingt es nicht, die Gäste am kurzen Zügel durch die 60-Minuten-Sendung zu manövrieren und die Steilvorlage Henkels zu nutzen. Sie lässt Sendung und Gäste laufen. Leider.

"Ich will jetzt auch mal was sagen", echauffiert sich Anne Will irgendwann, als alle Gäste aufgeregt durcheinanderschnattern und keiner mehr zu verstehen ist. Wirklich durchdringen kann die Moderatorin nicht. Hübsch ist nur ihr Einwurf in Richtung Henkel: "Ich komme dann gleich zu Ihnen, weil Sie der Schiedsrichter sein wollen."

Nein, Bertolt Brecht hätte an dieser Sendung keine Freude gehabt. Er hätte gelitten, quälende 60 Minuten lang.