Alles zurück auf Meta: Bei Anne Will tastete man sich an das "System Islam" heran, weil es Herr Sarrazin wohl so wollte. Wo kam man hin? Keinen Meter weiter.
"Was für eine Woche!", rief Anne Will zu Beginn aus. Sie meinte natürlich die große Sarrazinade seit Erscheinen des Buches Deutschland schafft sich ab vor einer Woche, und doch hielt sie der Stoßseufzer keineswegs davon ab, am Ende derselben auch noch einmal eifrig zu diesem Thema in den Ring zu steigen.
Bild vergrößern
"Sarrazin weg - Integrationsprobleme gelöst?" fragt Anne Will am Sonntagabend ihre Gäste Katrin Göring-Eckardt, Klaus Wowereit und Wolfgang Bosbach. (© dpa)
Anzeige
Über den fleißigen deutschen Bürger, der sich nicht mit der Hartz-IV-Existenz abfinden will, schreibt Thilo Sarrazin in seinem Bestseller Folgendes: "Nach Dienstschluss wird er es sein, der sich wohler fühlt und dem das Feierabendbier besser schmeckt." Da wollte Anne Will nicht untätig erscheinen.
Allerdings schien der Runde, die sie zusammengerufen hatte, zunächst ein gewisser Schrecken über die Krawalldebatte der vergangenen Tage in den Knochen zu stecken. Trotz streitbarer Figuren wie der Islamkritikerin Necla Kelek und dem wie immer gutgebräunten CDU-Hardliner Wolfgang Bosbach war der Ton ziemlich lange auffallend vorsichtig.
Das lag auch daran, dass Anne Will ständig auf der Personalie Sarrazin und auf den politischen Verfahrensfragen bei SPD und Bundesbank herumhackte, obwohl eigentlich etwas anderes versprochen war - nämlich ein Gespräch über konkrete Probleme der Integration von Zuwanderern, ein Gespräch, das manche der Anwesenden auch wirklich führen wollten.
Notwendige oder hysterische Debatte?
Dieses Durcheinander begünstigte in der Sendung immer wieder das beliebte Spiel der Meta-Diskussion, also die Debatte darüber, ob die Debatte gerade gut ist. Die Beschäftigung mit Sarrazin "schadet der Integrationsdebatte", sagte Kiez-Experte und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit. Die Sarrazin-Aufregung sei im Gegenteil "wunderbar" für die Integrationsdebatte, sagte Necla Kelek.
Die vergangenen Tage seien "eine hysterische Debatte gewesen", sagte Wolfgang Bosbach, Vorsitzender des Innenausschusses des Bundestages, sich "den Menschen da draußen" näher fühlend. Wogegen die wirklich kluge Katrin Göring-Eckardt, Vizepräsidentin des Bundestages, von den Grünen sagte: "Wir sind nicht hysterisch, Herr Sarrazin ist hysterisch."
In der Sache selbst wollte nur Necla Kelek "das System Islam" für die Unterschichtsprobleme alleinverantwortlich machen, eigentlich waren sich einfach alle einig, dass beide Seiten, Deutsche und Ausländer, sich irgendwie mehr anstrengen sollten. Anne Will verwechselte eine Zeitlang beharrlich die jugendlichen Intensivstraftäter in Neukölln mit der friedlichen Mehrheit der Einwanderer, die Sprach- und Bildungsdefizite haben, aber deswegen nicht gleich alle kriminell werden.
Dieser gedankenlosen Scharfmacherei folgte nach dem üblichen redaktionellen Mischungsprinzip ein sanftes Lämmchen, eine Vorzeige-Muslimin auf dem Vorzeigesofa. In recht guter Form war übrigens an diesem Abend Klaus Wowereit, dem man nicht nur die Kritik an "kollektiver Verunglimpfung", sondern auch seine Bauchschmerzen beim Sarrazin-Rausschmiss abnahm - Wowereit machte plausibel, dass ebenso wie dieser Rausschmiss auch die Nichtausgrenzung Sarrazins der SPD schaden kann.
Nach einigem eher sanftem, unpräzisem Geplätscher, bei dem niemand außer Necla Kelek den eugenischen Gottseibeiuns ohne Einschränkung verteidigen wollte, nach solchem Geplätscher also war es kurz vor Schluss an Norbert Bolz, doch noch eine Dramatisierung zu bewirken.
Der Berliner Podienmeister und Medienphilosoph Bolz, der bei Anne Will mit der originellen Berufsbezeichnung "Volksparteienkritiker" eingeführt wurde, startete nämlich den Großangriff auf die Political Correctness. "Die Politiker" seien ihrerseits "eine Parallelgesellschaft", die liberale Hegemonie wolle einfach nicht wahrhaben, dass das Volk begierig nach Klartext ohne Tabus lechze, stattdessen gebe es jetzt aber sogar "neue Jakobiner auch in den Feuilletons".
Und dann kam das Wort des Abends: Thilo Sarrazins Buch und seine Wirkung, sagte Norbert Bolz, seien für Deutschland "ein Geschichtszeichen". Norbert Bolz' Augen glühten, als sei er bereit, umgehend an dem ganzen großen Gutmenschentum den Ehrenmord zu verüben. Da ging ein fürchterliches Brausen durch das Fernsehstudio, das Menetekel stand an der Wand, und es war allen, als habe der Prophet Daniel persönlich gesprochen.
Und damit war die Talkshow wieder, wie es die ganze Debatte gerne tut, beim Meta-Thema angelangt. Denn was Norbert Bolz versuchte auszudrücken, das war die Professorenvariante des "Endlich sagt's mal einer" - die abwegige Behauptung, Tabuisiertes werde nun zum allerersten Mal überhaupt benannt, und Figuren wie Sarrazin werde hierzulande die Meinungsfreiheit verweigert. Als Norbert Bolz vom "Geschichtszeichen" sprach, da wurde es selbst Wolfgang Bosbach zu philosophisch, weswegen er zum Schluss lieber "endlich spürbare Sanktionen" forderte.
Hat die Anne-Will-Sendung am Ende der Sarrazin-Woche die Integrationsdebatte weitergebracht? Keinen Meter. Wurde über Thilo Sarrazins Themen und Thesen, unter Abzug der eugenischen und antimuslimischen Abschnitte, ernsthaft debattiert? Zu keiner Gelegenheit. Gibt es also von dieser Talkshow nicht irgendetwas Hübsches zu berichten? Oh doch.
Ganz großartig ist es, wenn Leute wie Wolfgang Bosbach mehr Bildungsanstrengung von Migranten fordern und dann ein Buch von 400 Seiten als einen "Wälzer" bezeichnen, durch den man sich beim besten Willen in einer Woche noch nicht habe durchkämpfen können. Aber vielleicht ist die Bosbach'sche Leseschwäche ja auch genetisch bedingt?
- Thema
- Klaus Wowereit RSS
- Klaus von Dohnanyi zur Sarrazin-Debatte Feigheit vor dem Wort 04.05.2011
- In der Klemme Die SPD und das Problem mit dem Sarrazin-Ausschluss 05.09.2010
- TV-Kritik: Maybrit Illner "Komm mir nicht mit der Mehrheit, Cem" 03.09.2010
- TV-Kritik: Sarrazin bei "Hart aber fair" Renn doch nicht immer weg! 02.09.2010
- TV-Kritik: "Menschen bei Maischberger" Schwamm drüber 01.09.2010
- Sarrazin: Gespaltene SPD "Das konnte man doch nicht ahnen" 09.09.2010
- SPD: Klaus Wowereit im Gespräch "Die sozialen Unterschiede sind krasser geworden" 16.08.2010
(sueddeutsche.de)
Finanz- und Wirtschaftskrise
Immer wenn ich den ersten Jingle oder was das sein soll der Sendung dieser pseudointerlektuell schauenden Tante sehe hab das dringende Bedürfnis sofort auf den nächsten Sender zu schalten, selbst wenn da noch so viel Quatsch kommt.
Alles andere, immerhin hatten sich schon drei Versucht, war das endlich mal fair und nicht einseitig geprägt. Herr Bolz brachte Einiges auf den Punkt, Herr Wowereit redete viel, sagte aber gar nichts und von Grün gab es wie üblich blah, blah, blah.
Gott sei Dank, diesmal keine Treibjagd auf Andersdenkende.
will immer noch die Sozialromantik des Multi Kulti vermitteln, wenn er am Sonntagmorgen über den Ku -Dam schlendert und die freundlichen Basaris anschaut.
Wohlweislich antwortet er nicht auf bosbachs Vorhaltungen, dass Polizeichefs in Berlin abgelöst wurden, weil sie die Kriminalitätsstatisken darlegten.
Auch Richterin Heisig wurde von Kollegen gemoppt als sie ihre Thesen darlegte.
Ansonsten strotzt der Artikel Schloemanns vor Häme und Sugestionen.
Nicht weit her mit der Toleranz für Gedankenfreiheit.
Vielen Dank für Ihren Beitrag, das wollte ich gerade auch so erklären. Bereits im psychologischen Grundstudium setzt man sich mit dem Buch "The Bell Curve" auseinander, von dem Sarrazin seine Thesen vermutlich abgeschrieben hat. Auch hier wird von einer reinen Vererbungstheorie ausgegangen, die so einfach nicht mehr haltbar ist (Zwillingsstudien etc. wurden hierfür zur Genüge durchgeführt).
Jedoch befürchte ich, dass Ihre Ausführungen bei den Stammtischbrüdern wohl vorbeigehen werden, geht es diesen doch nur im die reine Lust an der Diskriminierung und Pöbelei. Die Chance jetzt mal ganz ungehemmt seine niederen Instinkte ausleben zu dürfen muss einfach genutzt werden.
Zitat: "Diejenigen, die Sarrazin als "Rassisten" bezeichnen, weil er unbestreitbare biologische Tatsachen ausspricht, die in unserer demografischen Problemsituation eine unvorteilhafte Rolle spielen, das sind naturwissenschaftlich Ungebildete mit ideologisch verkleisterten hirnen."
Rassimus ist der Versuch eine definierte Gruppe von Migranten anhand von Attributen einer nicht Integrationsbereiten Minderheit vollumfänglich in der Gesamtheit zu beschreiben.
Zu Bosbach: ich kann nicht beurteilen welches Problem genau bei dem Herren vorliegt. Er hat nach eigenem bekunden bis Kap. 3 gelesen. Den Hinweis findet man angeblich am Ende. Ein Kommentar zur Redlichkeit des Bosbach erübrigt sich mithin. Ihnen viel Spass beim (vergebl.) suchen nach dem Hinweis.
Zu Ihnen: die genetischen, ontogenetischen und physiologischen Aspekte von Verhalten werden in meinem Fachgebiet sehr ausführlich beleuchtet. Insbesondere die Vererbungsfrage des/der Intelligenzkonstruktes/e wird immer noch kontrovers diskutiert. Allerdings geht niemand mehr ernsthaft davon aus das sich zu den wesentlichen Intelligenzkonstrukten rein oder überwiegend genetische Bedingtheit nachweisen lässt. Man spricht vielmehr von einer Prädisposition, also einer grundsätzlichen Anlage die durch soziokulturelle Gegebenheiten modelliert werden kann. Das ist inzwischen gängige Lehrmeinung. Sarrazin behauptet das Gegenteil. Ihre "naturwissenschaftlichen" Kenntnisse gehören dringend überarbeitet.
wegtreten!
Paging