TV-Film Bauchentscheidungen

Annette (Annette Frier) muss entscheiden, ob sie das behinderte Baby in ihrem Bauch bekommen will.

(Foto: WDR/Wolfgang Ennenbach)

Annette Frier steht als Schwangere, die ein Kind mit einem Chromosomendefekt erwartet, vor einer existenziellen Wahl.

Von Karoline Meta Beisel

Die ältere Tochter pubertiert, die jüngere Tochter würde gerne häufiger in die Kirche gehen, der Ex hat eine neue Freundin, beim Mann meldet sich in jedem wichtigen Gespräch der Notdienstpieper aus der Klinik - und dann ist da noch die Sache mit dem behinderten Baby in ihrem Bauch. Annette Winterhoff lebt mit ihrem Mann Thomas in einer Patchworkfamilie, die beiden freuen sich auf das gemeinsame Kind. Dann stellt sich heraus, dass das Baby an einem Chromosomendefekt leidet.

Für einen neunzigminütigen Film wäre das eigentlich genug Konflikt gewesen: Sollen Annette und Thomas das Baby bekommen? Auch wenn klar ist, dass das Kind kaum lebendig auf die Welt kommen, jedenfalls nicht lange leben wird? Was tun, wenn das Kind behindert ist, das ist eine Frage, die sich als Gedankenspiel wohl die meisten werdenden Mütter stellen - oder schon beantwortet haben, wenn sie sich gegen Diagnoseverfahren entscheiden, mit denen man schon früh in der Schwangerschaft alles Mögliche untersuchen kann. Annette (Annette Frier) will das Kind auf die Welt bringen. Thomas, selbst Mediziner, vertritt die Gegenposition. "Wir reden hier gerade über die Gefühle Ihrer Frau", sagt eine Ärztin bei der Beratung. "Ich denke ja lieber mit dem Kopf", sagt Thomas.

Der Film Nur eine Handvoll Leben, den die ARD am Mittwoch zeigt, nutzt die hochspannende Grundfrage allerdings nur als Gerüst. Drumherum versammelt das Buch von Henriette Piper allerlei Probleme, mit denen Eltern im Fernsehen eben zu tun haben: die Pubertät der Tochter, der stressige Job, der angespannte Umgang mit dem Ex.

Das ist vor allem deshalb schade, weil all diese Seitenerzählungen wertvolle Sendeminuten beanspruchen - etwa mit diversen Einstellungen, in denen es darum geht, dass die ältere Tochter das ungeborene Kind aus Eifersucht "verhext" hat und jetzt überzeugt ist, sie sei schuld an dessen Krankheit. Andersherum müssen in die Szenen, die sich tatsächlich um die Kernfrage drehen, sehr viele Dialoge, medizinische Hintergründe und ethische Erörterungen hineingepresst werden. Das macht es dem Zuschauer schwer, sich in Annette und Thomas hineinzuversetzen.

Auf der Berlinale lief in diesem Jahr ein Film zu einem ganz ähnlichen Thema. 24 Wochen der jungen deutschen Regisseurin Anne Zohra Berrached über die späte Abtreibung eines behinderten Kindes verwandelte das Publikum bei der ersten Vorführung im Berlinale Palast in eine schluchzende, sich schnäuzende Masse. Nun kann man sich durchaus fragen, ob Erzähler und Kamera wirklich in jeder Szene so nah rangehen müssen an Körper und Seele. Dennoch: Wovon 24 Wochen vielleicht zu viel hat, davon hat Nur eine Handvoll Leben zu wenig. Die Schlüsselszene lässt den Zuschauer merkwürdig kalt, und auch die Familie freut sich schon in der nächsten Einstellung über das Silvesterfeuerwerk. Vielleicht war vorher aber auch einfach schon zu viel passiert.

Nur eine Handvoll Leben, ARD, 20.15 Uhr.