Pseudo-Fernsehdokus mit Laiendarstellern und erfundenen Geschichten haben hohe Einschaltquoten. Die Wirklichkeit bilden sie nicht ab. Klassische Dokumentarfilmer betreiben riesigen Aufwand, um authentische Eindrücke zu vermitteln. Schade nur, dass ARD und ZDF diese Filme häufig im Nachtprogramm verstecken. Sie sollten ihren Zuschauern mehr zutrauen.
Die Deutschen glauben dem Fernsehen nicht mehr. Aktuelle Studien sagen sogar: Vielen Zuschauern ist es egal, dass sie regelmäßig getäuscht werden.
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Wie viel Einfluss darf ein Filmemacher nehmen auf das, was er filmen will? Der amerikanische Regisseur D. A. Pennebaker (r.) prägte das Direct Cinema, eine Stilform, die sich der reinen Beobachtung verschrieben hat. 1966 filmte der Regisseur Bob Dylan, über dessen Tournee er den Film Dont Look Back drehte. (© OBS)
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Ist diese Entwicklung bereits eine Folge von Scripted Reality und Lügen-TV? Klar ist: Im Nachmittagsprogramm der Privatsender laufen Pseudo-Dokus, die daherkommen als wären sie echt - tränenüberströmte Protagonisten agieren vor einer wackelnden Kamera, Experten-Interviews und Kommentarsprecher heizen die Sache noch weiter an. Zuweilen werden sogar Personen oder Nummernschilder unkenntlich gemacht, als gelte es irgendwelche Persönlichkeitsrechte zu schützen. Doch alle handelnden Personen sind Laiendarsteller und die Geschichten frei erfunden.
Nicht mein Metier, doch auf die Spitzenquoten bin ich als "echte" Dokumentarfilmerin dann doch zuweilen neidisch. Ich arbeite nahezu ausschließlich fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen und versuche mit großer Neugier Filme über Menschen und ihre Lebenswirklichkeit zu machen. Was mir und meinem Kollegenumfeld in den letzten Jahren zu denken gibt, ist, dass ARD, ZDF und die anderen mehr und mehr Angst vor dem Zuschauer zu haben scheinen. Angst davor, dass das Publikum nach immer skurrileren und vor allem kurz und knackig präsentierten Geschichten schreit, weil es sich sonst langweilt und weiter zappt.
Was ist dem Zuschauer zuzutrauen? Ganz viel, denke ich. Er müsste Dokumentarfilme nur öfter vor Mitternacht oder gar zur Primetime gezeigt bekommen. Wir alle sind zurzeit mit riesigen gesellschaftlichen Umwälzungen konfrontiert und das Dokumentarische profitiert davon. Denn wir Filmemacher haben aktuell alles, was eine gute Fernsehstory braucht: Menschen, die sich Herausforderungen stellen und kämpfen, kritische Wendepunkte, sozialen Zündstoff und Emotionen. Es gibt nichts Spannenderes als das echte Leben. Ob die Gebührenzahler irgendwann dafür aufkommen müssen, dass das Dokumentarische weiter schwindet? Konzepte für die Pseudo-Dokus, für Scripted Reality, liegen jedenfalls schon in den Schubladen öffentlich-rechtlicher Anstalten und wurden - fernab des Informationsauftrags - diskutiert.
Drei Arbeitslose aus 300 Bewerbern
Wie steht es um die Authentizität im öffentlich-rechtlichen Fernsehen? Können wir Dokumentarfilmer überhaupt die Realität, "die" Wahrheit abbilden? Der sowjetische Regisseur Sergej Eisenstein sagte bereits 1925: "Für mich ist es ziemlich egal, mit welchen Mitteln ein Film arbeitet, ob er ein Schauspielerfilm ist mit inszenierten Bildern oder ein Dokumentarfilm. In einem guten Film geht es um die Wahrheit, nicht um die Wirklichkeit."
Klar ist: Das reine Abfilmen der Wirklichkeit allein offenbart längst nicht die Wahrheit. Aber natürlich sind wir Dokumentarfilmer trotzdem immer auf der Suche nach der Wahrheit. Gleichzeitig verfolgen wir, wie jeder Kreative, mit unserer Arbeit eine Absicht und die ist genauso subjektiv wie die Sichtweise auf ein Thema. Allein schon bei der Protagonistenauswahl nehmen wir großen Einfluss auf die Wirklichkeit.
Für meine Dokumentation "Jung, erfolgreich - arbeitslos" (2002) meldeten sich auf Inserate über 300 arbeitslose, ehemalige Führungskräfte bei mir. Wochenlang ging Tag und Nacht das Telefon. Diejenigen, die direkt mein Interesse erweckten und mit fester Stimme auf den Anrufbeantworter sprachen, hatten gleich die besseren Karten. Kamen dann noch eine gewisse Eloquenz und Esprit dazu, waren sie in der engeren Auswahl. 40 Frauen und Männer habe ich mir damals tatsächlich angesehen und am Ende wurden dann drei davon im Film porträtiert. Drei von über 300.
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zwei der drei Dokumentationen die im Artikel aufgeführt wurden sind für mich Gründe, warum es immer schwieriger für sie wird Abnehmer für ihre Arbeit zu finden.
Die Themen habe ich über - Keine Lust mehr auf N*tten und Prekariat...
lediglich die Führungskräfte haben mir zugesagt - Eine Wahrheit die man spüren, jedoch nicht sicher festmachen konnte.
Ich sehe, für mein Empfinden, zu wenig, bzw fast keine, interessanten deutschen Dokumentationen. Für einige Dokumentationen ist der Film einfach das falsche Medium...Andere haben nicht genügend Mut, wieder andere gehen am Thema vorbei, aber der größte Teil vertraut auf übliche Themen...
Das was passieren muss mit dem Fernsehen und der Stellung der Dokumentation in diesem Medium ist keine Frage, aber Anfangen sich zu Entwickeln müssen sich die Dokumentationen selbst, sonst windet sich das Fernsehen um das Problem herum - mit inszenierter Dokumentation
H0wkeye schrieb:
"Das was ich interessiert (wirklich gute Dokumentationen, wirklich gute Musiksendungen wie z.B. die Arte Lounge oder Hot shot or not) kommen so spät, dass ich es mir als arbeitender Mensch nicht leisten kann, die zu sehen. "
Geht mir auch so. Habe aber inzwischen entdeckt, dass es sogenannte Videorekorder gibt, mit denen man solche Sendungen aufzeichnen und dann ansehen kann, wenn man Zeit und Muße dazu hat. Diese Geräte sind sogar recht preiswert (so ab 50 € - entspricht etwa drei Monaten GEZ-Gebühren).
Natuerlich kann ich dem Tenor des Artikels nur zustimmen, was die Zumutung von Realitaet angeht oder was die aufwendige handwerkliche Arbeit 'echter' Dokumentation betrifft. Aber Deutschland ist doch nicht durchgecastet. Sicherlich, viele kennen die 'Casting-Kultur', aber nur ein Bruchteil von Menschen ist tatsaechlich in irgendwelchen Dateien verewigt. Wir haben ueber 80 Mio Einwohner-egal ob nun 10.000 oder 100.000 mal bei einem 'Superstar' Casting waren. Bestimmte (Rand)Gruppen erscheinen natuerlich durchgecastet. Ostberliner Hartz-IV-Empfaenger oder alleinstehende Landwirte in Suedbayern. Aber noch gibt es genug normale Menschen, Menschen die nicht fuer etwas oder 'das grosse Ganze' stehen. Und Dominique Klughammer kann solche Menschen in der Regel ja auch klug in Szene setzen.
bleibt inzwischen in der Regel abends aus.
Das was ich interessiert (wirklich gute Dokumentationen, wirklich gute Musiksendungen wie z.B. die Arte Lounge oder Hot shot or not) kommen so spät, dass ich es mir als arbeitender Mensch nicht leisten kann, die zu sehen.
Und das was zur "Primetime" kommt (Diskussionssendungen, Pseudodokus, "Heimatmusik", Pseudopolitikmagazine ( quer nehme ich da ausdrücklich aus) oder 90% der sog. Comedy) löst bei mir psychosomatische Schmerzen aus.
produzierte bzw. bestrittene inhalte im fernsehen sind deutlich billiger als eigenproduktion oder zukauf. deswegen wird sich der mist im deutschen tv tendenziell vermehren - soweit noch nicht alles mist ist ...
und das tolle ist, dass die 'laiendarsteller' glücklich sind, im fernsehen aufzutauchen und dafür nicht mal auf einer korrekten gage bestehen. das ist so ähnlich mit den minijobbern in anderen wirtschaftsbereichen: so drückt man das lohnniveau derer, die davon leben müssen.
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