TV-Doku über Mord an Georgi Markow Ein Regenschirm als Ablenkung

Das Opfer: Georgi Markov, Schriftsteller und Journalist.

Vor 35 Jahren wurde der bulgarische Journalist und Regimegegner Georgi Markow auf der Londoner Waterloo Bridge mit Rizin getötet. Der "Regenschirm-Mord" wurde aber nie vollständig aufgeklärt. Auf Arte widmet sich nun ein ebenso subtiler wie spannender Film dem Fall - und liefert neue Thesen.

Von Klaus Brill, Warschau

Und Bernard Riley war vor 35 Jahren Arzt am St. James Hospital in London. Der Mann, der damals mit Schmerzen im Oberschenkel in die Notaufnahme eingeliefert wurde und der auffallend schnell atmete, ist ihm gut in Erinnerung geblieben. "Er seufzte und lachte und sagte: Ich bin vom KGB vergiftet worden und werde sterben, da können Sie nichts mehr tun."

So berichtete es Dr. Riley jedenfalls dem Münchner Filmemacher Klaus Dexel, der über den tatsächlich bald darauf eingetretenen Tod des Mannes einen ebenso subtilen wie spannenden Film gedreht hat. An diesem Dienstagabend (5. November) wird seine Dokumentation auf Arte gezeigt (22:10 Uhr "Zum Schweigen gebracht").

Der Todgeweihte war der bulgarische Schriftsteller und Journalist Georgi Markow. Er lebte in London im Exil und arbeitete für die bulgarischen Programme der BBC, der Deutschen Welle und Radio Free Europes. Auf dem Weg zum Büro wurde er am 7. September 1978 auf der Waterloo Bridge von einem Unbekannten angerempelt, ein Regenschirm fiel zu Boden, und Markow spürte im rechten Oberschenkel einen stechenden Schmerz. Der Fall erregte weltweit Aufsehen als "Regenschirm-Mord" und war eines der spektakulärsten Verbrechen in der Epoche des Kalten Krieges, die 1989 mit dem Kollaps des Kommunismus zu Ende ging.

Heute gibt es kaum noch Zweifel, dass der Anschlag vom bulgarischen Geheimdienst arrangiert und nicht zufällig an jenem 7. September verübt wurde: es war der 67. Geburtstag des Parteichefs Todor Schiwkow, den Markow offenbar bis aufs Blut gereizt hatte. Mit ätzendem Spott hatte er sich über das Treiben der Nomenklatura ausgelassen, das er einst selbst in Sofia kennen gelernt hatte.

In aufwendiger, akribischer Recherche quer durch Europa hat Klaus Dexel die Spuren verfolgt, die dieses Attentat hinterlassen hat und die man auch nach der Wende in Bulgarien noch eifrig zu verwischen suchte. Er sprach mit Markows Witwe, seinem Bruder, seinem Cousin und seinen Kollegen und stieß auf neue Hinweise. In Wels in Österreich spürte er einen Italiener mit dänischem Pass auf, der seinerzeit unter dem Decknamen "Picadilly" als Agent des bulgarischen Geheimdienstes tätig war und verdächtig oft in Markows Umgebung auftauchte.

Die These des Filmemachers, dass ein ganzes Team den scharfzüngigen Regimegegner zur Strecke brachte, hat viel für sich. Genauso wie der von einem früheren KGB-General erhobene Vorwurf, der sowjetische Geheimdienst habe den bulgarischen Genossen das tödliche Rizin geliefert, das dem Opfer injiziert wurde. Allerdings wohl nicht mit dem Schirm, wie Dexel darlegt, der diente eher zur Ablenkung.

Am Ende liegt die Szene - und das unterscheidet die echten, mit Aussagen und Dokumenten unterfütterten Spionagethriller von den erfundenen - noch immer im Zwielicht. Als aufgeklärt kann man den Fall bis heute nicht betrachten.

"Zum Schweigen gebracht", Arte, 22.10 Uhr