Trump und die Medien Diese Journalistin ist Trumps "Lieblingsfeindin"

Pathologisch ehrlich, total unbestechlich und erst auf den zweiten Blick sympathisch - so beschreibt ein Kollege Maggie Haberman.

(Foto: mauritius images)

Aber ohne Maggie Haberman kann der Präsident auch nicht - gibt er der Korrespondentin der "New York Times" doch immer wieder lange Interviews. Porträt einer beinharten Journalistin.

Von Sacha Batthyany

Es gibt kaum eine andere Journalistin zurzeit, die Donald Trump näher ist als sie: Maggie Haberman, 43, New York Times-Korrespondentin im Weißen Haus. Sie gilt als Trumps "Lieblingsfeindin", sie wurde von ihm schon als "drittklassige Reporterin" bezeichnet und dennoch scheint er großen Respekt vor ihr zu haben. Denn er gewährt ihr lange Gespräche. Zuletzt wieder vor etwa zwei Wochen, als sich Trump mit Haberman und ihren Times-Kollegen zum Interview traf.

Der Präsident wollte eigentlich über das Krankenversicherungsgesetz informieren, holte dann aber aus, sprach über Wladimir Putin und seinen Sohn Trump Junior, kritisierte seinen Justizminister Jeff Sessions und landete schließlich bei Hillary Clinton. Das Gespräch markierte den Beginn einer turbulenten Zeit, in der sowohl Trumps Pressesprecher als auch sein Stabschef zurücktraten, jeden Tag neue Intrigen an die Öffentlichkeit kamen und sich die realen Ereignisse im politischen Washington wieder mal lasen wie ein Drehbuch für eine fiktive Politserie - und mittendrin stand sie, Maggie Haberman, und sie tat, worin sie so gut ist: Sie bringt andere zum Reden. Trumps Aufstieg vom Immobilientycoon zum Präsidenten der Vereinigten Staaten ist die Story ihres Lebens.

Sie kennt ihn seit Jahren. Sie weiß, dass er die "New York Times" nach seinem Namen durchsucht

Wie Donald Trump stammt auch Maggie Haberman aus New York. Sie begann ihre Karriere bei der New York Post, einem Boulevardblatt in Manhattan, das von den Geschichten des Immobilienhändlers Trump lebte und zum Beispiel exklusiv über Trumps Scheidung mit Marla Maples berichten durfte. 2011 trafen sie sich zum ersten Mal; Trump ließ damals andeuten, ins Rennen um die Präsidentschaft im Jahr 2012 einzusteigen, zog sich aber wieder zurück. Haberman wechselte später zum Nachrichtenmagazin Politico und von dort zur New York Times. Als Trump 2015 nun definitiv kandidierte, war kaum jemand besser geeignet, um über den unkonventionellen Außenseiter aus New York zu berichten. Während andere Journalisten über Trump spotteten - die Huffington Post etwa schrieb über den "Milliardär und Playboy" nur im Unterhaltungsressort - blieb Haberman nüchtern und nahm seine Ambitionen ernst. Sie wusste um sein Charisma und seine Fähigkeit, Menschen für sich zu begeistern. Sie wusste, dass er sich gut vorbereiten würde und seine Themen, insbesondere seine Einwanderungspolitik, ein großes Echo hervorrufen würden. Vor allem aber wusste sie um sein Talent, die Medien für seine Zwecke zu manipulieren.

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Von seinem Wahlsieg aber war sie dennoch "überrascht", sagte sie dann, weil so vieles gegen ihn gesprochen habe. Sie macht sich Vorwürfe, weil sich die Medien zu sehr auf seine Person konzentriert haben und zu wenig auf seine Geschäftsbeziehungen eingingen. Was sie ärgert, seien Berichte, die mit dem Namen des Präsidenten nur Klicks generieren wollen, "nicht alles, was auf der Welt geschieht, hat mit Trump zu tun", sagt Haberman. Auch verstehe sie Kollegen nicht, die sich täglich über Charakter oder Verhalten des Präsidenten empören. "Dabei ist Trump nun mal, wie er ist. Man muss als Journalist über das Stadium der reinen Empörung hinwegkommen und über Inhalte sprechen."

Haberman lebt, anders als ihre Kollegen, die über das Weiße Haus berichten, in New York und nicht in Washington. Sie hat drei Kinder, gilt als unglaublich gut vernetzt und als Multitaskerin. Kaum ein Bericht über sie, der nicht erwähnt, wie sie, während sie spricht, schnell noch twittert und ein paar E-Mails beantwortet. Sie sagt, ihre Kinder würden unter dem ganzen Stress leiden, weil sie so wenig Zeit habe im Moment, doch sie kenne es nicht anders, sagte sie neulich in einem Fernsehinterview. Ihre Eltern waren beide Journalisten, "wenn mein Vater sich mal in eine Geschichte festgebissen hatte, war er nicht mehr ansprechbar."

Sie hat drei Kinder, einen Text für Seite Eins schreibt sie auch mal bei der Schultheateraufführung

In der Branche fast schon legendär ist die Anekdote, wie Haberman während einer Schultheateraufführung eines ihrer Kinder auf dem Smartphone einen Text für die Frontseite der New York Times über Trumps damaligen Wahlkampfmanager Corey Lewandowski verfasste, der am nächsten Tag um die Welt ging. "Sie ist geradezu pathologisch ehrlich, total unbestechlich und erst auf den zweiten Blick sympathisch", sagte über sie ihr New-York-Times-Kollege Glenn Thrush, mit dem sie viele Artikel schrieb. Donald Trump traf sich mit Haberman im Jahr 2015, weil er wollte, dass sie als Erste über die Neuigkeit seiner Kandidatur berichtete. Er schenkte ihr einen sogenannten Scoop, den Knüller, von dem viele Journalisten träumen. Haberman aber sagte ab, weil sie nicht sein "Steigbügelhalter" sein wollte. Seit dem verbindet Trump mit ihr, wie sie selbst beschreibt, eine Hassliebe.

"Er kennt mich, er weiß, wie ich arbeite und er mag natürlich die New York Times", sagte Haberman neulich dem New Yorker. Sein ganzes Leben lang habe er damit gerungen, nicht ernst genommen zu werden, er sei aus Queens nach Manhattan gekommen, habe sich mit dem Trump-Tower einen Palast gebaut, und alles versucht, um von der Elite New Yorks ernst genommen zu werden. "Kein Wunder, dass er viele Sätze mit den Worten beginnt: Wir werden belächelt. Amerika wird belächelt. China belächelt uns." Es sei sein Lebensthema. Deshalb sei er von der New York Times so fasziniert. Seit Jahren durchsuche er die Zeitung nach seinem Namen. "Für Trump war eine Erwähnung in der Times immer eine Bestätigung, oben angekommen zu sein."

Mit dem Aufstieg Trumps wurde auch Haberman zu einer kleinen Berühmtheit. Sie gibt Interviews (aus Zeitgründen sagte sie die Anfrage der Süddeutschen Zeitung ab), tritt bei CNN als Kommentatorin auf, hat eine halbe Million Twitter-Follower, hält Vorträge, und wo immer sie auftritt, hängt ihr das Publikum an den Lippen, das in ihr eine Art Übersetzerin sieht - jemanden, der erklären kann, wie der mächtigste Mensch der Welt tickt. Und nach Wochen wie diesen, in denen die Welt einigermaßen fassungslos nach Washington schaut, ist Habermans Arbeit wichtiger als jemals zuvor.

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