Titanic mit Islam-Titelbild Nehmen sie es hin oder zünden sie was an?

Nun bringt also auch die "Titanic" ein Islam-Titelbild. Selten bekam Satire so viel Aufmerksamkeit. Schade nur, dass sie ausgerechnet jetzt so schlecht ist wie selten zuvor. Das Triste ist die gedankliche Schlichtheit all dieser Bildchen, Montagen und Witzchen.

Von Hilmar Klute

Am Freitag wird die Satire-Zeitschrift Titanic mit einem neuen Titelbild in den Handel kommen - bei der Titanic redet man eigentlich nur noch vom Titelbild, weil der schriftliche Inhalt des Hefts längst nicht mehr der Rede wert ist. Das Cover wird Bettina Wulff zeigen, die von einem bewaffneten muslimischen Kämpfer bedroht oder verteidigt wird, je nach Sichtweise, man mag sich da wohl nicht festlegen. Es ist eine ganz läppische Montage, unentschieden und hasenfüßig in der Haltung.

Geht es um Frau Wulff und ihren im Land schon fleißig runtergebashten Wunsch, mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Ein Thema, das übrigens längst keines mehr ist, und auch das ist ein Problem der Titanic: Sie kaut ewig auf alten Kamellen rum. Oder geht es um die Fortsetzung der händereibenden Abtasterei von ein paar Spaßarbeitern, wie kurz der Erregungsnerv der Muslime wohl sein mag, und ob die tatsächlich so sind, wie man es erwartet: Dass sie mit Sprenggürteln in die Redaktionen der Satiremagazine in Frankreich und Deutschland einrücken und den Spaßvögeln bescheinigen, dass ihr Asta-Zeitung-Humor wirkmächtig ist wie sonst nichts.

Weil in Ägypten, in Syrien und Iran einige tausend Menschen wutentflammt gegen das Mohammed-Video anlaufen, haben sich deutsche Politiker besorgt über die angekündigte Titanic-Volte geäußert, Außenminister Westerwelle warnt davor, Öl ins Feuer zu gießen, Innenminister Friedrich hat in gewohnter Sicherungskasten-Manier die Gefährlichkeit des Satire-Sprengstoffs prüfen lassen, dann aber Entwarnung gegeben.

Die französische Politikerin Christina Boutin will gegen das Magazin Charlie Hebdo klagen, weil sie glaubt, dass die dort gezeigten Mohammed-Karikaturen den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllten. Und Daniel Cohn-Bendit rastet im Fernsehen komplett aus, nennt die Macher von Charlie Hebdo Idioten und Masochisten, die sich in ihrer eigenen Angst suhlten. Na ja.

Wallraff wünscht sich eine komplette Überflutung

Selten genoss die Satire so viel öffentliche Aufmerksamkeit wie in diesen Tagen. Selten war die Aufregung um satirische Zeichnungen und Titelbilder in Deutschland und vor allem in Frankreich so groß; selten traten so viele Befürworter und Gegner der Satire mit teils hanebüchenen Forderungen und Warnungen auf den Plan; Günter Wallraff wünscht sich eine komplette Überflutung europäischer Medien mit islamkritischen Karikaturen, damit die "Demonstration von Freiheit" - und Wallraff meint das wohl ernst - nicht nur die Sache einiger weniger Freiheitsfreunde bleibe.

Diese bebende Kühnheit ist in Wahrheit der zittrige Zorn von spätbürgerlichen Wüterichen, die glauben, dass die freiheitliche Ordnung täglich von durchgedrehten Islamisten gekippt werden kann und dass wir uns auch mit den Mitteln der heiligen Kunst unsere Freizügigkeit sichern können. Spitze Feder gegen Krummsäbel.

Schade nur, dass die Satire ausgerechnet zu der Zeit, da dermaßen viel Aufhebens um sie gemacht wird, so schlecht ist wie selten zuvor. Dabei ist nicht einmal die handwerkliche Mittelmäßigkeit der Zeichnungen des Charlie-Hebdo-Zeichners Charb das Problem. Das Triste ist die gedankliche Schlichtheit all dieser Bildchen, Montagen und Witzchen, die ja nur aufs Sentiment zielen.

Der Papst lässt klagen, der Verband der Muslime nölt

Sensationell ist daran nur, dass sie in einem ganz neuen Erregungsfeld experimentieren, das deshalb so reizvoll ist, weil man nicht einschätzen kann, was passiert - nehmen die es hin oder zünden sie was an? Politiker ins Zielfeld zu rücken, ist wirkungslos und daher den muffigen Fernsehkabarettisten vorbehalten, die gar nicht mehr merken, dass ihr Zeug abgestandener ist als jede Politikerrede.

Richtig was einfahren kann man als Satiriker heute nur noch mit der religiösen Schamverletzung, die ja auch mit wenig Aufwand zum Erfolg führt: Der Papst lässt juristisch klagen, der Verband der Muslime nölt, dass die religiösen Gefühle seiner Mitglieder verletzt werden, und die Entgegnung der Satiriker darauf ist wieder stramm verfassungspatriotisch: In einem freien Land muss auch so etwas möglich sein, der Titanic-Chefredakteur Leo Fischer sagt: "Muslime müssen Witze über sich aushalten."

Ja, sicher, das ist so wahr wie langweilig, und wie es aussieht, werden die es auch aushalten, und wir müssen es aushalten, dass politische Satire in Deutschland uns wohl auch in den nächsten Jahren auf inzwischen schon gewohnte Weise unterfordern wird.