"The Handmaid's Tale" Es kann ganz schnell gehen

Elizabeth Moss (Peggy Olsen) heißt in "The Handmaid's Tale" auf einmal "Offred", weil sie der Besitz von Fred, einem Kommandanten des theokratischen Regimes von Gilead, geworden ist.

(Foto: AP)

Erst nimmt man Frauen ihre Jobs und dann versklavt man sie: Die Serie "The Handmaid's Tale" verstehen viele als gruseligen Kommentar auf das politische Klima in den USA.

Von Kathleen Hildebrand

Schrecklich, wie hübsch diese Bilder sind: Immer scheint eine goldene Abendsonne in Gilead, einem Amerika der nahen Zukunft. Die Straßen zwischen alten Villen sind baumgesäumt. Und wenn die Frauen mit ihren strahlend weißen Flügelhauben in bodenlangen, blutroten Roben die Bürgersteige entlanggehen, dann sieht es aus, als schwebten sie.

Doch Gilead ist eine brutale, puritanische Diktatur. Die Frauen in Rot sind "Mägde". Ihre einzige Existenzberechtigung in diesem pseudo-religiösen, frauenfeindlichen Regime ist es, mächtigen Männern Kinder zu gebären. Sie sind die einzigen, die das noch können, durch Umweltverschmutzung sind die meisten Frauen unfruchtbar geworden. Eine der Mägde ist Offred, die Hauptfigur und Erzählerin von The Handmaid's Tale, der neuen Serie des US-Streaming-Anbieters Hulu. Offred hieß früher anders, "aber dieser Name ist jetzt verboten", sagt Elizabeth Moss (Peggy Olsen aus Mad Men) aus dem Off. Ihr neuer Name zeigt, was sie ist: of Fred, Besitz von Fred, einem Kommandanten des theokratischen Regimes von Gilead, dem sie zugeteilt worden ist.

Ausnahmslos allen Kritikern erscheint die Serie als gruseliger, warnender Kommentar

In Deutschland ist die Serie noch nicht zu sehen, aber in den USA gibt es kaum ein Feuilleton, das noch nicht mindestens fünf Essays darüber veröffentlicht hat. Ausnahmslos allen erscheint sie als gruseliger, warnender Kommentar zur aktuellen politischen Lage des Landes, die viele als zunehmend repressiv empfinden.

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The Handmaid's Tale ist die Verfilmung von Margaret Atwoods gleichnamigem dystopischen Roman (Deutsch: Der Report der Magd) von 1985. Volker Schlöndorff hat daraus schon 1990 einen Kinofilm gemacht, er hieß "Die Geschichte der Dienerin". Die Kritiken waren mittelmäßig. Vielleicht erschien diese Geschichte über die Möglichkeit des Widerstands in einer Diktatur damals nicht als die dringlichste.

Trump hatte im Wahlkampf strengere Abtreibungsgesetze angekündigt

Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten aber stand Atwoods 30 Jahre alter Roman plötzlich an der Spitze der Amazon-Verkaufscharts. Trump hatte im Wahlkampf nicht nur mit seinen Grabscher-Aussagen verstört, sondern er hatte auch, typisch republikanisch, strengere Abtreibungsgesetze angekündigt, außerdem Kürzungen der Mittel für Planned Parenthood, die wichtigste Organisation für Familienplanung und Frauengesundheit. In seinen ersten Tagen als Präsident hatte er dann fast alle seine wichtigen Posten mit Männern besetzt.

The Handmaid's Tale bekommt dadurch noch mehr Wucht, dass sich die Serie nicht streng an die Romanvorlage hält, sondern zugunsten von Aktualisierungen von ihr abweicht. Das Amerika vor dem theokratischen Coup, das man in Rückblenden sieht, ist nicht das der Achtzigerjahre, sondern das gegenwärtige, in dem junge Frauen offen lesbisch sein, nach dem Joggen in den Coffeeshop gehen und sich mit dem Smartphone ein Uber-Taxi rufen können. Den effektvollsten Grusel zieht die Serie aus der Fragilität dieser scheinbar endgültig errungenen Freiheiten und Rechte. Die These ist: Es kann ganz schnell gehen. Heute wird Frauen die Kreditkarte gesperrt, morgen verlieren sie ihre Jobs, übermorgen werden sie versklavt und monatlich zeremoniell vergewaltigt.

In einem aktuellen Essay hat Margaret Atwood sich zu der Frage geäußert, ob ihr Roman als Prognose zu lesen sei. "Nein", schreibt sie, "es ist eine Anti-Prognose. Wenn man diese Zukunft so detailgenau beschreiben kann, dann wird sie vielleicht nicht kommen. Aber auch auf solches Wunschdenken kann man sich nicht verlassen."

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