"Team Wallraff" in Altenpflegeheimen Würdevolle Sendung über würdeloses Leben

Ex-Enthüllungsreporter Günther Wallraff tritt bei RTL als Berater auf.

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RTL schickt eine Reporterin mit versteckter Kamera in Pflegeheime. Die Sendung widersteht größtenteils der Versuchung, die Dramen noch zu inszenieren - die Fernsehzuschauer bekommen trotzdem eklatante Missstände zu sehen.

Eine TV-Kritik von Bastian Brinkmann

Drei Schatten treten auf. "Darüber wird man reden", raunt eine Stimme. Dann beginnt die neue Folge "Reporter Undercover" vom "Team Wallraff". Diesmal war eine Reporterin mit versteckter Kamera in Altenpflegeheimen unterwegs, nachdem die Sendung in den Vorwochen über Hygieneprobleme bei Burger King und arbeitsrechtliche Defizite in der Logistik des Modeversenders Zalando berichtet hatte.

Für RTL-Chef Frank Hoffmann ist das Team Wallraff ein Vorzeigeprojekt. Am Montagabend sind satte anderthalb Stunden für die Reportage im Sendeplan freigeräumt, anschließend gibt es noch eine 45-minütige Extra-Ausgabe des Magazins "Extra" zur eigenen Sendung. "Damit schärfen wir unser journalistisches Profil", sagte RTL-Boss Hoffmann kürzlich dem Fachmagazin W&V - und meinte damit neben der Wallraff-Sendung auch das "Jenke-Experiment", bei der sich ein Mann beispielsweise dabei filmen lässt, wie er über längere Zeit viel Alkohol trinkt.

Burger King geht in die Offensive

Die Fastfood-Kette reagiert auf Enthüllungen des Senders RTL über schlechte Hygienezustände und ungerechte Arbeitsbedingungen: Der Geschäftsführer der Yi-Ko Holding, einer der größten Franchisenehmer in Deutschland, ist seinen Job los. mehr ...

Schnitt. Das körnige Bild zeigt eine alte Frau in einem Bett. "Ich möchte sterben, dann wird alles still", sagt sie, dazu hört der Zuschauer Techno-Musik. Die Sendung heißt "Das Pflegedilemma: Am Ende ohne Würde". Die RTL-Reporterin Pia Osterhaus heuert als Praktikantin Diana bei zwei Einrichtungen an: dem städtischen Seniorenstift St. Josef in München und einem Pflegeheim in Berlin-Kreuzberg, das dem Konzern Marseille-Kliniken gehört. Sie bringt versteckte Kameras mit.

Das Thema Pflege ist größer als fiese Chefs im Logistiklager oder abgelaufene Salate beim Burger-Brater. Der Sozialverband VdK erhebt gerade beim Bundesverfassungsgericht eine Klage gegen "grundrechtswidrige Zustände" im deutschen Pflegesystem. Er prangert an, dass viele Alte in den Heimen würdelos behandelt werden.

Drehs mit versteckter Kamera sind ethisch heikel. Menschen vertrauen dem Reporter, reden offen mit ihm, benehmen sich, als wären sie unter sich. RTL bricht in diesen Schutzraum ein und zeigt die Aufnahmen vor einem Millionenpublikum. Das geht nur, wenn die Bilder eklatante Missstände zeigen. Doch das tun sie.

In einem Münchner Stift kümmerten sich drei Pflegekräfte in der Frühschicht um 37 Senioren, als die Reporterin gedreht hat. Da blieben pro Mensch nur 7,5 Minuten für Wecken, Morgentoilette und Füttern. Ein Bewohner hat ein Brillenhämatom, ringförmige Blutergüsse unter beiden Augen. Vielleicht ist er hingefallen, vielleicht wurde er geschlagen; das Blut sammelte sich in seinen Augenringen. Der demente Bewohner sagt, er sei geschlagen worden.

Die menschenunwürdigen Zustände vor Ort rechtfertigen den Einsatz von versteckten Kameras.

(Foto: Bildschirmfoto)

Eine andere Frau finden die Pflegerinnen auf dem Boden, sie liegt in einer unnatürlichen Haltung vor ihrem Bett. Eine Pflegerin macht erst mal Fotos mit ihrem Smartphone, bevor sie der Frau hilft. Gemeinsam heben die Betreuerinnen die Frau wieder ins Bett, sie schreit "Au au au", ihr Gesicht ist geschwollen. Im Berliner Heim bricht das gefährliche Norovirus aus, aber das Personal gibt die Warnung aus: Wage nicht, das Gesundheitsamt anzurufen.

Beide Heime dementieren die Vorwürfe.

RTL zeigt Bilder aus einer Linoleumhölle, in der Menschen leiden. Auch die Pfleger, die genau wissen, dass sie es nicht schaffen, würdig mit den Bewohnern umzugehen. Und die dafür auch noch schlecht bezahlt werden.