"Tatort" Schwarzwald Hinter der Biobauer-Fassade gärt die völkische Ideologie

Mit einer Mischung aus Verführung und verkappter Drohung hält Torsten (David Zimmerschied) die junge Mechthild (Janina Fautz) zum Schweigen an.

(Foto: dpa)

Äpfel mit braunen Stellen: Im Schwarzwald-"Tatort" ermitteln die Kommissare Berg und Tobler so unglaubwürdig naiv, dass es quietscht.

Von Holger Gertz

Folge 18/2018, Kommissare: Berg/Tobler

Der SWR-Tatort "Sonnenwende" erzählt die Geschichte von Äpfeln, die eine braune Stelle haben, auch wenn man's nicht gleich sieht. Da ziehen ökologisch frisierte Menschen auf einem Bauernhof in Schwarzwald nur heimisches Obst. "Was die da machen, das ist wirklich Bio. Möglichst viel Handarbeit, Feriengäste helfen mit", sagt Kommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner), der den Kleinlandwirt von früher kennt und den Unterton nicht hört, als der Mann sagt: "Land und Leute gehören zusammen."

Zentrales Thema des Stücks von Umut Dag (Buch: Patrick Brunken): die Unterwanderung der Öko-Szene durch Neonazis. Hinter der Biobauer-Fassade gärt die völkische Ideologie von Mutterbodenschützern vor sich hin. Dieser Strang wurde schon im NDR-Tatort "Böser Boden" angepackt und erstaunlicherweise in Richtung Zombieklamotte weiterentwickelte. Diesmal fängt alles damit an, dass die älteste Tochter jenes Kleinlandwirts, den der Kommissar schon länger kennt, in ihrem Bett regelrecht verreckt. Wie die Dinge zusammenhängen, wird Stück für Stück entblättert, tatorttypisch mit Hilfe eines Smartphones, auf dem Relevantes aufgezeichnet ist. Kommissar und Assistentin ermitteln unterdessen in der Familie, dort heißen die Menschen Almut und Mechthild, betrauert wird Sonnhild, zum Vorschein kommen Tattoos, die den Ermittlern eigentlich sehr deutlich zeigen, wo die Reise hingeht, ganz nach rechts.

Nun hat der Sonntagabendkrimi viele Ermittlerpaare, Kommissar 1 geht anders an den Fall ran als Kommissar 2, das kann dann symbolisch stehen für den ambivalenten Blick einer Gesellschaft auf ein Phänomen. Hier wittert die Kommissarin Franziska Tobler (Eva Löbau) sofort das naturtrübe Gedankengut, während Berg arglos durchs Panorama stiefelt. Bei der Ernte singen Mädchen mit geflochtenem Blondzopf das Lied eines Nazi-Dichters, und der Kleinlandwirt, den der Kommissar schon lange kennt, sagt, dass ein Gesetzeshüter die Menschen eh nicht behüten kann und dass es darum geht, "auf eigenem Land zu säen und zu ernten". Erst später, als der Mann schreit, er befinde sich als Wehrbauer im Krieg gegen die Umvolkung - da geht dem Kommissar ein Licht auf. Und das ist dann doch, angesichts der Debatten der Gegenwart, so unglaubwürdig naiv, dass es quietscht.

ARD, Sonntag 20,15 Uhr.

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