Tatort Saarbrücken Weg mit dem digitalen Gedöns!

Und dann kommt es doch anders: Kommissar Stellbrink mit Victor Rousseau und dessen Anwalt.

(Foto: SR/Manuela Meyer)

Im "Tatort" aus Saarbrücken geht es um Datendiebstahl und wie sich der auf die Privatsphäre auswirkt. Das ist ziemlich viel Kulturpessimismus zum Jahresauftakt.

Von Carolin Gasteiger

Die Erkenntnis:

Man würde so gerne nicht die Augen verdrehen und nicht seufzen: Warum denn schon wieder ein Tatort mit dem Thema "diese bösen Datengeschäfte". Nach Stuttgart, Kiel und Dresden wird nun auch Saarbrücken vom Datenmissbrauch heimgesucht. Auf dem Fernsehbildschirm erscheinen plötzlich digitale Codes, die Firma, die mit Daten handelt, ist futuristisch blau illuminiert und das Internet mal wieder ganz böse. Man sieht die Zuschauer auf dem Sofa förmlich mitschimpfen: "Ja, genau, dieses neumodische Internetzeug. Pfui!" Angesichts dieser altbackenen, uninspirierten und kulturpessimistischen Heransgehensweise hilft alles nicht: Man muss einfach mit den Augen rollen. Und ganz tief seufzen. Nicht schon wieder.

Darum geht's:

Justiziar Sebastian Feuerbach und sein Partner Victor Rousseau (Achtung, Namensgebung!) haben sich mit ihrer Firma im brach liegenden Industriegebiet Saarbrückens angesiedelt und handeln mit Daten. Diese Daten werden von selbstfahrenden Autos erfasst. Aber wie ihre philosophierenden Namensvettern haben die beiden Geschäftspartner unterschiedliche Ansichten: Feuerbach steht der Welt und der Datenerfassung kritisch gegenüber, Rousseau plädiert für ein radikal neues Denken - inklusive Abgabe und Nutzung aller verfügbaren Daten. Es kommt zum Streit. Und Feuerbach fährt in seinem selbstfahrenden Auto ungebremst durch eine Leitplanke in den Tod. Alles sieht nach Selbstmord aus. Aber an diese Theorie will Kommissar Stellbrink nicht glauben.

Wird Zeit, dass mit dem Unsinn Schluss ist

In "Mord ex machina" treffen digitale Datendiebe auf einen analogen Kommissar. Selbst der wünscht sich, dass der "Tatort" schnell vorübergeht. Von Holger Gertz mehr ...

Bezeichnender Satz:

Firmeninhaber und Zukunftsvisionär Rousseau beruhigt Kommissar Stellbrink ob der verlorenen Daten aus dem autonomen Unfallauto - und zeigt, wie unterschiedlich der Blick auf den Datenhandel ausfallen kann:

Wir suchen nach den Daten und wir werden sie auch finden. Das ist das Schöne an der digitalen Welt, da geht nichts verloren. Man muss nur wissen, wo man suchen muss.

Flop:

Aus dem Thema autonomes Fahren hätte man sehr viel machen können. Tatsächlich ist allein die Frage, was der Autoindustrie verschlüsselte Daten ihrer Kunden bringen, hochinteressant - und es wert, in einem Tatort behandelt zu werden. Aber "Mord ex Machina" tippt diese Thematik leider nur ganz kurz an. Im Grunde geht es doch wieder um das Zwischenmenschliche, denn natürlich stecken auch hinter diesem Mord ganz analog-banale Gefühle wie Macht und Eifersucht, die all die Hochtechnologie überlagern. Richtig interessieren sich die Macher wohl doch nicht für das Thema. Übrig bleiben Klischees: Die Datenhändler sind stylisch in Schwarz gekleidete Juppies, die grüne Smoothies trinken und in Anglizismen sprechen. Und der, der am wenigsten Ahnung von digitaler Welt und Computern hat, ist mal wieder der Kommissar. Das naive Bild, das die Macher hier zeichnen und mit dem sie Jens Stellbrink wohl auf eine Stufe mit den ahnungslosen Zuschauern stellen wollen, bewirkt jedoch das Gegenteil: Es wirkt so auffallend rückständig, dass es die Zuschauer eher verhöhnt als respektiert. Außerdem: Wieso misstraut ein Kommissar der digitalen Welt dermaßen, wenn er privat sein Glück beim Online-Dating versucht? Stellbrinks Partnerin Lisa Marx wird genau eine sinnvolle Äußerung zugestanden: "Strukturwandel. Technologiestandort Saarland." Und nicht mal das ist ein ganzer Satz.

Top:

Wie gesagt: Mit dem Thema autonomes Fahren liegt der Tatort gar nicht falsch. Hätten sie es nur vertieft. Und vor allem Julia Koschitz als Hackerin Natascha und Steve Windolf als ihr Auftraggeber Rousseau lassen ihre Figuren hochintelligent und gefährlich zugleich erscheinen.

Die Pointe:

Jens Stellbrink zieht aus den verstörenden Erkenntnissen des Falles Konsequenzen: Der Kommissar löscht sein Online-Dating-Profil, holt einen Falke-Stadtplan aus der Schublade und wirft sein Smartphone vom Balkon. Das ist platt und verbohrt: Als könnte man den digitalen Entwicklungen und Herausforderungen so begegnen. Mit einem jubilierenden Lächeln scheint Stellbrink den Zuschauern zuzurufen: Tun Sie es mir bitte gleich, machen Sie Digital Detox und kehren Sie ins wahre Leben zurück! Als vorläufiger Neujahrsvorsatz mag das funktionieren, als echte Lösung ist es einfach nur naiv.