Tatort-Premiere in Hamburg Nordischer Humor statt Geballer

Erst Nick Tschiller, dann Thorsten Falke: Nur wenige Wochen nach Til Schweiger schickt der NDR einen weiteren "Tatort"-Kommissar nach Hamburg. Auf Konkurrenzdenken hat Wotan Wilke Möhring allerdings wenig Lust - ist auch nicht nötig.

Von Carsten Eberts, Hamburg

Fußball kann grausam sein, Wotan Wilke Möhring weiß das zu gut. Etwa wenn die eigene Tatort-Premiere läuft und gleichzeitig der BVB spielt. Möhrings Herz schlägt wie wild für Borussia Dortmund, beim Spiel gegen Real Madrid wäre er gerne dabei gewesen. Doch der Preview-Termin steht lange fest, er muss anwesend sein. Also sitzt Möhring da im Dortmund-Trikot, der schwarz-gelbe Schal um den Hals, grinst gequält. Roter Teppich und Kino statt Stadion und Bier.

90 Minuten später ist die Premiere zu Ende, der Applaus verhallt. Wotan Wilke Möhring muss auf die Bühne. Er sollte sich nun kräftig feiern lassen, für einen gelungenen Tatort-Erstling, der sicher gute Kritiken in deutschen Wohnzimmern bekommen wird. Doch der Schauspieler hat nur Fußball im Kopf. Er weiß sogar den Zwischenstand. "1:1", brüllt er ins Mikrofon: "43. Minute, Fehler Hummels. Fuck." Gelächter im Saal, doch Möhring leidet.

Der NDR hat zur Tatort-Premiere ins Hamburger "Passage"-Kino geladen. Es gab einiges Bohei um die Ambitionen des Senders, nicht nur wegen des Premierentermins. Innerhalb von sechs Wochen schickt der Sender sein zweites frisches Ermittlerduo auf Sendung: Erst Til Schweiger (alias Nick Tschiller) mit seinem Partner Fahri Yardim, nun Wotan Wilke Möhring (alias Thorsten Falke) mit Petra Schmidt-Schaller. Schweiger ermittelt in Hamburg, Möhring wird durch Norddeutschland reisen. "Feuerteufel", sein Erstling, spielt ebenfalls ins der Hansestadt.

Möhring und die Konkurrenz zu Til Schweiger

Die Vergleiche bleiben natürlich nicht aus. Zwei neue Ermittler, zwei bekannte Schauspieler, zweimal Hamburg. Immerzu wird Möhring gefragt, wie das nun sei, mit Til Schweiger in Konkurrenz zu treten. "DAS Tatort-Duell des Jahres", schrieb kürzlich die Bild. Möhring hat wenig Lust auf das Gelaber. Er kennt Schweiger gut, beide sind befreundet. In Schweigers Tatort gab es am Anfang eine Szene, in der beide zusammen am Pissoir stehen. Das war ganz lustig.

Thorsten Falke ist ohnehin ganz anders als Nick Tschiller. Schwieriger, subtiler, mit mehr Ecken und Kanten. Falke trinkt den ganzen Tag Vollmilch, nennt seine Katze "Digger", kauft ihr Hundefutter. Während sich Tschiller eine Verfolgungsjagd durch die Bauruine der Elbphilharmonie liefert, ermittelt Falke ganz bodenständig in Billstedt und Jenfeld. Jenen Stadtteilen Hamburgs, wo viele Leute lieber nicht wohnen möchten.

Am Ende gibt es viel Applaus. "Tatort" steht auf beiden Filmen drauf, sonst haben sie nicht viel gemein. Das Team um Regisseur Özgür Yildirim wollte eine andere Richtung aufzeigen, erklärt Redakteur Christian Granderath: "Immer nur Geballer ist irgendwann auch langweilig." Auch Yildirim spricht vom Anspruch, "keinen Nullachtfünfzehn-Krimi abzuliefern". Kleiner Seitenhieb an Schweigers Film, in dem es tatsächlich viel Geballer gab. Der vielen Tatort-Guckern zu sehr Stirb langsam und zu wenig Tatort war.

Welcher Tatort schafft die bessere Quote?

In "Feuerteufel" gibt es stattdessen eine authentische Story um eine Brandserie und nordischen Humor. "Wir haben einen Realitäts- und Wahrhaftigkeitsanspruch", sagt Möhring. Auch er ahnt, dass er ein hochwertigeres Produkt abgeliefert hat. Die Chance ist groß, dass sich gerade viele Hamburger mit seinem Tatort besser identifizieren können als mit Schweigers Actionthriller.

Auch die obere ARD-Riege ist vom Ergebnis angetan. "Tagesthemen"-Moderator Tom Buhrow ist gekommen, auch Programmdirektor Volker Herres, alle strahlen. "Die wirklich coolen Kerle ermitteln inzwischen in Hamburg", jubiliert Herres. Dieses neue Team werde "noch für Überraschungen sorgen".

Am Sonntagabend wird der Tatort in der ARD ausgestrahlt. Wetten will Möhring nicht, wer die bessere Quote schafft. Schweiger erreichte bei seinem Debüt mit 12,57 Millionen Zuschauern einen starken Wert. Möhring will lieber keine Erwartungen schüren. "Das ist wie Fußball. Wir spielen ein anderes Spiel", sagt er.

In Dortmund dreht der BVB das 1:1 in ein 4:1. Wotan Wilke Möhring ist versöhnt. Auch wenn er gerne ganz woanders gewesen wäre.

Wer ermittelt wo mit welchen Tricks?

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