"Tatort"-Kommissarin Aylin Tezel Sie will nur spielen

Jüngste "Tatort"-Kommissarin, Aschenputtel, Selbstmordattentäterin: Aylin Tezel ist die Frau für fast jede Rolle. Unerkannt bleiben? Sie gibt sich viel Mühe, damit das nicht passiert. Eine Begegnung im Zug.

Von Marco Maurer

Aylin Tezel beim Internationalen Film Festival in Berlin 2011.

(Foto: dpa)

Das Bordrestaurant des EC 173, ein österreichischer Zug auf dem Weg vom Berliner Hauptbahnhof nach Graz über Dresden, passt irgendwie nicht zur Schauspielerin Aylin Tezel. Gestärkte Tischdecken, stramme Bügelfalten, ein etwas steifer Österreicher als Kellner. Aylin Tezel lacht zur Begrüßung, schaut sich neugierig um, beißt auf die Lippen. Sie freut sich auf ihre morgendliche Reise nach Hof. Die Schauspielerin stellt dort ihren Ende November erscheinenden Film Am Himmel der Tag (Regie: Pola Beck) vor. Den Anschlusszug in Dresden wird sie später verpassen. Aylin Tezel schimpft aber weder auf die Bahn, noch machen ihr die 35 Minuten Verspätung etwas aus.

Es ist derzeit auch nicht ungewöhnlich, sie im Zug anzutreffen, sie ist viel beschäftigt, das deutsche Kino, der deutsche Film, sogar des Deutschen liebstes Fernsehkind, der Tatort, mag sie. Der Stern nannte sie vor ihrem ersten Auftritt in der Reihe "Fräulein Kommissar", die Bild wusste über "Deutschlands jüngste Tatort-Kommissarin" Bescheid, die Gala schrieb - in Anklang an eine Rolle Tezels in einem ARD-Weihnachtsfilm aus dem Vorjahr - "Aschenputtel ermittelt jetzt in Dortmund". Und wer derart umgarnt wird, hat häufig nicht nur volle Auftragsbücher wie die 28 Jahre alte Tezel, sondern manchmal auch ein ziemlich großes Ego - nicht so bei Aylin Tezel.

Sie bestellt Kamillentee, während sie der österreichische Kellner verzückt anschaut. Sie trägt legere Kleidung - eine schwarze Jeans, einen Kapuzenpullover, braune Stiefel - und legt Wert darauf, dass ihr ein Gespräch lieber wäre als ein Interview, weswegen sie erst mal die Fragen stellt und der Zug an Orten wie Plessa und Hohenleipisch vorbeizuckelt. Aylin Tezel spricht so, wie ihr Blick ist, ein wenig keck und neugierig; sie interessiert sich für Menschen und ihre Welt. Dennoch wird sie ein wenig später den für eine Schauspielerin ungewöhnlich zurückhaltenden Wunsch äußern: "Ich sitze gerne alleine in Cafés. Die Vorstellung, nicht mehr unauffällig zu sein, finde ich unheimlich."

"Zu schnell, zu aufregend, zu anders"?

Man glaubt der in Bielefeld aufgewachsenen und an der Ernst-Busch-Schauspielschule ausgebildeten Aylin Tezel diesen Wunsch. Als sie ihn vorträgt, lacht sie. Weil sie weiß: Sie gibt sich gerade große Mühe, dass er nicht in Erfüllung geht. Dabei treten ihre zwei Schneidezähne hervor, was ihr eine Ähnlichkeit mit zwei Diven der deutschen Unterhaltung beschert, mit Nora Tschirner und Lena Meyer-Landrut. Sie ist aber nicht, so wie die anderen beiden Frauen, an besonders großer Aufmerksamkeit interessiert; noch jedenfalls scheint Aylin Tezel der Mittelpunkt egal zu sein.

Trotz einer der Hauptrollen im Integrationskinofilm Almanya - einem Publikumserfolg. Trotz der Rolle der toughen Dortmunder Tatort-Kriminaloberkommissarin Nora Dalay. Trotz zweier aktueller Kinofilme (Am Himmel der Tag und die Komödie 3 Zimmer/Küche/Bad). Sowohl Am Himmel der Tag als auch der Tatort sind ungewöhnlich gut für deutsche Produktionen. Im Tatort ermittelt Aylin Tezel in einem vierköpfigen Team an der Seite des unorthodox auftretenden Hauptkommissars Peter Faber (grandios: Jörg Hartmann). Die Erzählweise des Krimis erinnert an US-Serien wie Mad Men oder Breaking Bad, weil sich die Figuren nebenbei entwickeln, Bögen in die Vergangenheit geschlagen werden, der Zuschauer geduldig sein muss und am Ende jeder Folge eine Frage ungeklärt bleibt. Tezel sagt, es gab auf ihren ersten Einsatz "gegenläufige Stimmen. Die einen finden unseren Tatort spannend, weil wir eine etwas strange Figur etabliert haben. Die anderen finden ihn zu schnell, zu aufregend, zu anders".