"Tatort" in der digitalen Zukunft "Geile Krimis"

Die Ablenkung lauert auf dem "Second Screen": Die Macher des "Tatort" arbeiten daran, Krimierlebnisse via Internet zu intensivieren. Doch interaktive Konzepte wie der "Tatort+" kosten Geld und Zeit. Über den langen Weg der ARD ins Web.

Von Matthias Kohlmaier

Früher war alles einfacher, also wenigstens im Fernsehen. Als der Deutschen liebster TV-Krimi Tatort 1970 erstmals auf Sendung ging, war die programmliche Konkurrenz, sagen wir, überschaubar. Heute muss sich der Tatort nicht nur gegen Blockbuster von Pro Sieben oder RTL behaupten. Selbst bei den Zuschauern, die sonntags um 20.15 Uhr das Erste einschalten, haben die Filme Konkurrenz bekommen: das Internet buhlt um die Aufmerksamkeit der TV-Zuschauer.

Vor allen Dingen aber sorgt es für Ablenkung, die den Tatort-Machern nicht gefallen kann. Die Menschen sollen schließlich den Krimi sehen, verstehen und im Idealfall sieben Tage später wieder vor dem Fernseher landen. Um das langfristig zu gewährleisten, wagt sich seit einigen Jahren Deutschlands dienstältester Krimi in die digitale Zukunft - via Facebook, Twitter und kürzlich zum zweiten Mal mit dem interaktiven Konzept "Tatort+" des Südwestrundfunk (SWR).

Beim SWR sind sie Vorreiter darin, die Zuschauer auch auf dem "Second Screen" anzusprechen. Bereits 2010 lief das transmediale Alpha 0.7, zwei Jahre später die Echtzeitserie Zeit der Helden, die wie nun der "Tatort+" auf das Internet als zweite Erzählplattform ausgelegt war. "Bevor die Leute während unserer Sendungen im Internet einkaufen, wollen wir lieber die Möglichkeit nutzen, sie auch auf dem zweiten Schirm mit unseren Inhalten zu erreichen", erklärt SWR-Online-Chef Jürgen Ebenau die Strategie hinter solchen Projekten.

Auzug aus dem zweiten "Tatort+" des SWR

(Foto: SWR/Montage Guido Bülow/Stephani)

Mit ihrem zweiten "Tatort+" haben Ebenau und der SWR offenkundig genau das erreicht. Fast 60.000 Nutzer meldeten sich bei dem Onlinespiel an, in dem bereits eine Woche vor sowie in den Tagen nach dem Stuttgarter Tatort "Spiel auf Zeit" ermittelt werden konnte. Um die Onlineermittler noch enger an die Handlung und die zugehörigen Protagonisten zu binden, führte Schauspielerin Miranda Leonhardt, im Film spielt sie Kriminaltechnikerin Nika Banovic, in vielen kleinen Filmchen durch die Spurensuche.

Vier Monate intensive Vorbereitungszeit waren nötig, erklärt Ebenau, um das Projekt "Tatort+" auf den Computerbildschirm zu bringen. Das Ziel eines solchen Events um einen einzigen Tatort: Kundenbindung, wenn man so will. "Uns bietet sich eine große Chance: Durch Kommunikation und Interaktion mit dem User eine engere Bindung an die Marke zu erreichen", sagt Ebenau. Die offene Debatte mit dem User, die so ein Format ermögliche, biete große Chancen für das Fernsehen.

Rekord für die Stuttgarter Kommissare

Obwohl sich aus Konzepten wie dem "Tatort+" und den Bemühungen des SWR um Kommunikation mit den Krimifans natürlich nicht linear auf die Einschaltquote des Films schließen lässt, sei festgehalten: Den Tatort: Stuttgart mit den Kommissaren Bootz und Lannert alias Felix Klare und Richy Müller verfolgten 10,23 Millionen Zuseher. Rekord für das Ermittlerteam. Es stellt sich die Frage: Warum bauen die Macher der anderen Rundfunkanstalten nicht auch eine interaktive Erlebniswelt rund um ihre Filme auf?

Die Antwort, die ARD-Tatort-Koordinator Gebhard Henke darauf findet, klingt im ersten Moment recht ernüchternd. "Um so ein Projekt wie den "Tatort+" des SWR auf die Beine stellen zu können, braucht man nicht nur Manpower, sondern auch die nötigen finanziellen Mittel. Im Augenblick könnten das gewiss nicht alle öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten leisten." Was die Arbeitskraft betrifft, lässt sich die Aussage leicht verifizieren. Am SWR-"Tatort+" arbeiteten in den sechs Wochen vor der Fertigstellung drei Redakteure intensiv. Henke dagegen hat nach eigener Aussage gerade mal zwei Mitarbeiter, die die "Tatorte" in Münster, Köln und Dortmund betreuen müssen.