Tatort Dortmund "Mein Revier" Frische Wut, geronnene Wut

Kriminalhauptkommissar Faber sucht diesen Sonntag im Ruhrgebiet inmitten von Dealern, Prostituierten und Elendsvierteln nach einer Zeugin im Mordfall eines Zuhälters. Wesentlich interessanter: das Wesen des Kommissars.

Von Holger Gertz

Jörg Hartmann als Peter Faber und Anna Schudt als Martina Bönisch lösen ihren zweiten Ruhrgebietsfall in Dortmund.

(Foto: dpa)

Das Besondere an diesem Tatort, dem zweiten aus Dortmund, ist nicht der Fall. Ein Mann sitzt, sehr tot und sehr zugekokst und mit sehr offener Hose, hinterm Schreibtisch, eine Zeugin hat Spuren hinterlassen, jetzt wird sie gesucht. Das Revier, in dem ermittelt wird, ist ein etwas überzeichnetes Elendsquartier, in den Hinterhöfen wird Fleisch gegrillt, Müll fällt aus dem vierten Stock.

Wem gehört die Straße? Türken gegen Bulgaren, Polizisten gegen Luden. Konfliktlinien verwischen, und es zeigt sich, dass die Polizei gelegentlich die Seiten wechselt. Hat man so ähnlich schon früher gesehen, in den Siebzigern hat Jürgen Roland verwandte Kampfzonen ausgeleuchtet. Die Nutten hießen damals noch Bordsteinschwalben, weil: ein bisschen verspielt durfte das Ganze schon sein. Good old days.

In Dortmund erzählen sie ihre Geschichte nach Cold Case-Art, schwebende Musik, Schlüsselsequenzen in gedrosseltem Tempo. Aber das Besondere ist der Hauptkommissar. Wenn Peter Faber ein Schrottauto zertrümmert, ist das ein Teil seiner speziellen Fallanalyse. Aber auch eine Begegnung mit dem eigenen Leben. Faber, das schimmert durch dieser Episode, hat Frau und Tochter bei einem Autounfall verloren. Wer so etwas erlebt hat, für den geschieht nichts mehr einfach so. "Na, wo sind unsere Frauen?" kumpelt sein Ermittlerkollege. Eine harmlose Frage wird zum Messerstich.

Jörg Hartmann spielt diesen Faber, und verglichen mit ihm ist sogar der Leipziger Kommissar Keppler eine vom großen Martin Wuttke eher lieblos runtergespielte Karikatur eines Wracks. Kepplers Schmerz ist geronnen. Fabers Schmerz ist frisch. Fabers Schmerz ist laut und leise. Manchmal, wenn man glaubt, jetzt müsse er explodieren, schaut er still in einen Abgrund. Manchmal hilft nur der Baseballschläger.

Wenn die Autoren jetzt noch Geschichten für ihn schreiben, die so berührend sind wie der Kommissar selbst, dann wird der Tatort aus Dortmund ein Pflichttermin.

ARD, Sonntag 20.15.

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