Tatort Dortmund "Alter Ego" Dosenkost

Nähe in allen Aggregatzuständen bekommt der Zuschauer beim ersten Dortmund-Tatort serviert. Wann killt die Lust? Wann heilt sie? Vier Kommissare ermitteln, einer benimmt sich wie eine Kotztüte. Sexuelle Spannungen gibt es zwischen ihnen trotzdem - und einen Mord im Schwulenmilieu.

Von Holger Gertz

Zur Einstimmung auf diesen bemerkenswerten Tatort, den ersten aus Dortmund, eine Youtube-Empfehlung, der Soundtrack dieser Episode: "Another world" von Antony and the Johnsons. Nur ein Mensch, der kein Herz hat, muss nicht weinen, wenn er das Lied hört, das eher ein Gebet ist.

Die Kommissare Peter Faber und Martina Bönisch des neuen Dortmund-Tatorts, gespielt von Jörg Hartmann und Anna Schudt.

(Foto: dpa)

Einen einzelnen Kommissar neu einzuführen ist schwierig genug, bei den Dortmundern werden gleich vier Ermittler auf die Bühne geschoben. Zwei ältere, zwei jüngere, jeweils Mann und Frau. Die beiden Älteren haben zu viel erlebt, die beiden Jüngeren zu wenig. Der Fall, der aufzuklären ist, spielt sich im Hintergrund ab, oder im Untergrund, es geht um Morde im Dortmunder Schwulenmilieu. Interessanter ist, wie die Kommissare die Beziehungen zueinander aufbauen: Ihr Verhältnis ist - offen oder unterschwellig - sexuell, an diesem Punkt verknüpft sich das Schicksal der Ermittler mit dem Stand ihrer Ermittlungen. Es geht um Nähe in allen Aggregatzuständen. Wann macht Nähe Lust? Wann gibt sie Halt? Wann heilt sie? Wann killt sie?

Dortmund ist die in allen Farben ausgeleuchtete Kulisse, Zechen, tote Straßenzüge, ein alter Vatter, der mit seiner ratlosen Taube spricht. Die Liebe zur Borussia, die ja ihrerseits Lust macht und Halt gibt, darf auch besungen werden, im räudigen Dialekt des Reviers - die Sprache und ihr Klang wird sehr ernst genommen. "Die Karre sieht aus wie ein bengalischer Puff nach der Happy-Hour" sagen die Menschen, "komm zu Potte" fordern sie. So vermeidet ein Autor, dass alles ins Larmoyante kippt. Alte Regel: Eine gute Geschichte lässt den, der sie hört, weinen. Und lachen.

Eine gute Geschichte wie diese hier braucht Figuren wie den Chefermittler Peter Faber, grandios gespielt von Jörg Hartmann. Am Anfang ist er die klassische Kotztüte, aber schon in dieser ersten Episode darf er sich entwickeln. Aus dem Zerstörer wird ein Zerstörter. Einer, der seine Ravioli kalt aus der Dose löffelt. Faber, der kaputte Profiler, stellt die Taten nach, gräbt sich in die Seelen der Täter, ihre Gedanken werden zu seinen Bekenntnissen. "Ich bin unglücklich, schon seit Jahren", sagt er, oder: "Warum steche ich nicht zu?" Er spricht von sich, wenn er von allen anderen spricht. Alte Regel: Eine gute Geschichte handelt immer auch von denen, die sie hören.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.