"Tatort" aus Wien Mittelmaß trotz Kruzifix

In "Die Faust" ermitteln Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser).

(Foto: dpa)

Der neue "Tatort" aus Wien erinnert an eine hervorragende alte Episode von 1977. Und offenbart ein Problem, mit dem der Krimi in der Gegenwart zu kämpfen hat.

Von Holger Gertz

In Wien ist ein mörderischer Akkordarbeiter unterwegs, der Sinn fürs Darstellerische hat. Das erste Opfer nagelt er ans Kreuz, wo es bei einer Wohnungsbesichtigung gefunden wird. Das zweite hängt er in einer öffentlichen Toilette auf und stellt eine Schüssel mit 30 Silberlingen auf den Boden. Das dritte wird als Galionsfigur ausgestellt. Dass sämtliche Opfer post mortem penetriert worden sind, soll den Verdacht erhärten, hier sei ein Triebtäter am Werk.

Die Ermittler Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser) könnten versuchen, ihn zu fangen, aber dann wäre es ja nur ein gewöhnlicher Tatort geworden. Aficionados erinnern sich an die ähnlich konstruierte Episode "Drei Schlingen" mit Kommissar Haferkamp, als ein Serienmörder seine Opfer aufhängte und Hinweise auslegte. Ein gewöhnlicher Plot? Wenn man noch mal reinschaut, sieht man: spannender Fall, intensive Zeichnung der Charaktere, Psychoduell zwischen den Darstellern Felmy und dem großen Traugott Buhre. Aber das war 1977.

In der Gegenwart will der Tatort ständig mehr sein als ein Krimi, manchmal wächst er an dem Anspruch, oft überhebt er sich. Wie diesmal in der tendenziell überladenen Folge "Die Faust" von Christopher Schier (Buch: Mischa Zickler). Die Geschichte des Serienmörders wird auf eine politische Ebene gehievt, wie überanspruchsvoll das konstruiert ist, belegt der Versuch der Majorin Fellner, den Ermittlungsstand zusammenzufassen: "Warum war die Frau, die vermutlich Nataliya Lomatschenka heißt und aus Litauen stammt, 2004 in Kiew? Was hat unsere erste Leiche mit dem gefälschten italienischen Pass mit Belgrad zu tun? Und wie passt der Gehenkte dazu?"

Das sind sehr berechtigte Fragen. Natürlich ist das alles sehr schön gespielt, und erfreulicherweise witzeln Krassnitzer und Neuhauser diesmal nicht so erwartbar herum wie zuletzt. Aber auch diese Reduktion macht aus einer mittelmäßigen Folge noch keine gute.

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