"Tatort" aus Wien "Keine Ahnung, keine Skrupel, keine Titten"

Eine von vielen tollen Nebenfiguren: Die pensionierte Profilerin Dr. Henriette Cerwenka (Erika Mottl, Mitte) mit dem Ermittlerteam Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser)

(Foto: ARD Degeto/ORF/E&A Film/Hubert M)

Ein Serienmörder zieht durch die Stadt und Bibi Fellner will die gläserne Decke der Polizeibehörde durchbrechen: Der neue Wiener "Tatort" schwankt zwischen Schrecken und Komik.

Von Luise Checchin

Die Erkenntnis:

Der Fortschritt verschont auch Polizeibehörden nicht. "Die Faust" beginnt damit, dass Dr. Ernst Rauter, der Vorgesetzte von Moritz Eisner und Bibi Fellner, die Strategie der "Kripo 2020" verkündet. Von "Herausforderungen" ist da die Rede, von "Effizienzsteigerungen" und "neuen Technologien". Rauter spricht sogar von "Kollegen und Kolleginnen", mit Betonung auf "innen". Doch Kommissarin Fellner traut den hehren Worten nicht. Die besten Aussichten auf eine neu ausgeschriebene Führungsposition scheint nicht sie, sondern der junge Karrieriest Clemens Steinwendtner zu haben. Der erfüllt in Fellners Augen alle Kriterien für eine Polizeikarriere: "keine Ahnung, keine Skrupel, keine Titten". Zumindest in diesem Fall liegt Fellner falsch, aber dazu später.

Darum geht es:

In einer leeren Wohnung wird ein toter Mann aufgefunden, festgenagelt an einer Wand, an der ein orthodoxes Kreuz aufgemalt ist. Nur kurze Zeit später ereignet sich ein ähnlicher Mord, dann noch einer. Ein ritueller Serienmörder, der durch Wien zieht? Oder hat das Ganze doch politische Hintergründe? Schließlich verbindet die drei Opfer eine gemeinsame Vergangenheit in osteuropäischen Revolutionsbewegungen.

Bezeichnender Dialog:

Ausgerechnet der verhasste Kollege Steinwendtner soll Eisner und Fellner bei dem Fall unterstützen. Er pocht darauf, dass die Kommissare bei der Befragung eines Verdächtigen von bewaffneten Einsatzkräften begleitet werden - zum Unmut von Fellner, die sich im Nachhinein darüber beschwert.

Eisner: Wenn das der Täter gewesen wäre und wir wären dort alleine hineingegangen und es wäre was passiert, dann hätte ich mir die blöden Fragen vom Steinwendtner anhören müssen.

Fellner: Aber wenn du und ich da reingehen, dann sind wir ja nicht allein.

Eisner: Ja, hast du auch Recht, aber ich wäre verantwortlich.

Fellner: Ich hätt schon auf uns aufgepasst.

Eisner: Ja. Eben.

Fellner: Was heißt eben? (Pause) Weißt, Moritz, es ist ja nicht so, dass ich die Vorschriften nicht kenn.

Eisner: Aber?

Fellner: Aber ... bis jetzt waren die uns ja auch wurscht.

Eisner: Ja, stimmt eh.

Top:

Dieser Tatort ist im besten Sinn unterhaltsam. Das liegt einmal daran, dass die Suche nach dem Serienmörderphantom wirklich spannend erzählt ist. Im weißen Schutzanzug gekleidet, taucht er urplötzlich vor seinen Opfern auf, lässt sie grausig inszeniert am Tatort zurück und verschwindet spurlos. Die bedrohliche Gewissheit, dass jederzeit und an jeder Ecke etwas Furchtbares passieren könnte, trägt "Die Faust" über weite Strecken. Sie scheint nur deshalb erträglich, weil den Zuschauern immer wieder Möglichkeiten des comic reliefs angeboten werden, komische Szenen also, die den Schrecken eindämmen.

Da ist einmal das Paar Fellner und Eisner, die ihre vertraute Grantigkeit in dieser Folge zur Meisterschaft bringen (Eisner zum Vorschlag seines Chefs, personelle Unterstützung für den Fall zu bekommen: "Mehr Leute sind mir zuwider."). Und dann sind da die tollen Nebenfiguren. Der kleine, bärtige Verleger etwa, der auf seinem Medizinball wippend ("die Bandscheibe") über die CIA doziert. Oder die pensionierte Profilerin, die sich erst esomäßig gibt ("wartet's einmal a bissel - ich muss mich in den Täter hineinspüren"), um den Kommissaren dann sehr nüchtern beizubringen, dass die beiden selbst schon alle Antworten auf ihre Fragen kennen.

Flop:

Auch wenn dieser Tatort über weite Strecken überzeugt, so hat er doch ein Plot-Problem. "Die Faust" will eine einigermaßen komplexe Geschichte erzählen - von der CIA, von osteuropäischen Revolutionsbewegungen und von enttäuschten Idealisten, die in Wien untergetaucht sind. Der Film scheitert aber daran, die Erzählstränge organisch miteinander zu verknüpfen. Die Hintergrundinformationen über die osteuropäische Geschichte der Neuzeit zum Beispiel, die dem Publikum nach und nach in Figurenmonologen vermittelt werden sollen, wirken fremdkörperhaft. Eine gelbstichige Flashbackszene, die die Revolutionäre mit nacktem Oberkörper in einer verrauchten Kneipe pathetische Reden schwingend zeigt, kommt unfreiwillig komisch daher. Auch die Figur des Mörders, der als Phantom so bedrohlich war, stellt sich als seltsam oberflächlich heraus, sobald seine Identität enttarnt ist. Man nimmt ihm die Dringlichkeit seines Motivs einfach nicht ab.

Die Pointe:

Bibi Fellner hat sich ganz unnötig in ihren Hass auf den jungen Kollegen Steinwendtner hineingesteigert. Von allen Bewerbern und Bewerberinnen, so erklärt es ihr Vorgesetzter, sei sie die qualifizierteste. Trotzdem bekommt sie die ausgeschriebene Führungsposition nicht, denn die geplante Behördenreform wurde ausgesetzt. Der Fortschritt verschont die Wiener Polizei also fürs Erste doch noch einmal. Über all diese Aufregung geht ein vierter Mord einfach unter: Die letzte verbliebene Revolutionärin nimmt völlig unbemerkt Rache am festgenommenen Serientäter.

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