"Tatort" aus Hannover Eine kleine Wunde im Gesicht, eine viel größere an der Seele

In "Der Fall Holdt" fühlt Charlotte Linholm (Maria Furtwängler) Frank Holdt (Aljoscha Stadelmann) auf den Zahn.

(Foto: NDR/Marion von der Mehden)

Im sehr soliden Tatort "Der Fall Holdt" ermittelt Maria Furtwängler zum ersten und einzigen Mal in diesem Jahr als Charlotte Lindholm - und wird gleich in der ersten Szene zusammengeschlagen.

Von Katharina Riehl

Wenige Tatort-Episoden haben eine so elektrisierende Wirkung auf ihre Macher, Zuschauer und Kritiker wie jene, die auf einer wahren Begebenheit beruhen. Vor drei Wochen zum Beispiel verband der SWR seinen Krimi mit einem Gedankenspiel zur Todesnacht der RAF-Terroristen in Stammheim, worüber sich dann die in Sachen Tatort immer leicht entflammbare Bild so sehr empörte, als sei politische Bildung tatsächlich die Aufgabe eines Sonntagabendkrimis.

In dieser Woche kommt der Tatort vom NDR, Maria Furtwängler ermittelt zum ersten und einzigen Mal in diesem Jahr als Charlotte Lindholm, und ein reales Vorbild gibt es auch dieses Mal. "Der Fall Holdt" (Buch: Jan Braren; Regie: Anne Zohra Berrached) erzählt die Geschichte einer entführten Bankiersgattin, und der Beruf des Ehemannes ist nicht die einzige Parallele zur realen Entführung von Maria Bögerl im Mai 2010. Auch im Tatort wird ein Familienmitglied des Opfers Teil der Ermittlung, auch im Tatort spielt ein öffentlicher Hilferuf im Fernsehen eine Rolle - und auch im Tatort machen die Ermittler nicht gerade den Eindruck, die Lage so richtig im Griff zu haben.

Maria Furtwängler prangerte im Sommer Geschlechterklischees im Fernsehen an

Für Charlotte Lindholm ist es eine Jubiläumsermittlung, die 25., und möglicherweise ist das der Grund, dass die Film-Version des Falls Maria Bögerl in allererste Linie eine Geschichte über die Kommissarin Lindholm ist. Gleich in der ersten Szene wird sie vor einer Diskothek von ein paar Typen zusammengeschlagen, sie hat während der Ermittlungen deshalb Blutergüsse am ganzen Körper, eine kleine Wunde im Gesicht und eine viel größere an der Seele. Sie und der Bankier (toll: Aljoscha Stadelmann) umkreisen sich wie zwei angeschossene Tiere.

Man beobachtet Charlotte Lindholm in diesem sehr soliden Krimi genauer als sonst, ist es doch der erste Tatort mit Maria Furtwängler, seit diese im Sommer Wortführerin einer Kampagne wurde, die Geschlechterklischees im Fernsehen anprangerte. Die Botschaft: zu wenige Frauen, zu wenige Frauen über 30, und wenn Frauen, dann im Kontext einer Beziehung oder Partnerschaft. Dieser Tatort hat eine weibliche Ermittlerin, die völlig ohne männliche Kollegen auskommt und sie ist sogar älter als 50. Nach den kräftezehrenden Ermittlungen sinkt sie aber dann doch in die Arme eines starken Mannes. Manchmal soll ein Film eben ein bisschen schöner sein als das Leben.

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Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr.