"Tatort" aus Dresden Karin, Henni und die bösen Männer

Online-Dating kann einigermaßen aufreibend sein - das merkt auch Kommissarin Henni Sieland (Alwara Höfels), hier mit Petrick Wenzel (Aleksandar Jovanovic), im neuen Tatort aus Dresden.

(Foto: MDR/Wiedemann & Berg/Daniela Inc)

Im Dresdner "Tatort" verrennen sich die Ermittlerinnen in einer Undercover-Dating-Aktion, die so krude daherkommt, dass man gut versteht, warum Schauspielerin Alwara Höfels aus der Reihe aussteigt.

Von Luise Checchin

Die Erkenntnis:

"Wer jetzt allein ist" lehrt den Zuschauer gleich zwei Dinge: Online-Dating ist aufreibend, vor allem, wenn man es auf misogyne Männer beziehungsweise Frauenmörder abgesehen hat. Und: Der beste Weg, aufmüpfige Jugendliche mit Mathe-Phobie zum Pauken zu bringen, ist die gute alte Mit-Handschellen-an-den-Küchentisch-Anketten-Methode.

Darum geht es:

Die 22-jährige Doro Meisner wird vor einem Dresdner Club erdrosselt. Zuvor war sie wochenlang von Männern, die sich "Vogeljäger" nennen, tyrannisiert worden. Die Gruppe hatte ihr vorgeworfen, sie über eine Online-Dating-Seite erst verführt und dann um Geld betrogen zu haben. Wie die Kommissarinnen Henni Sieland und Karin Gorniak herausfinden, steckte hinter dieser Betrugsmasche aber gar nicht Doro Meisner, sondern der bankrotte Besitzer der Online-Dating-Seite. Als mögliche Täter kommen für Sieland und Gorniak dennoch nur zwei der "Vogeljäger" in Frage. Auf der Suche nach Beweisen bedienen sich die beiden - trotz rechtlicher Bedenken ihres Vorgesetzten Peter Schnabel - einer eher unkonventionellen Ermittlungsstrategie: Sie melden sich auf der Dating-Seite an und verabreden sich mit den Verdächtigen. Das geht - wer hätte das gedacht? - gehörig schief.

Ein Sampler abgedroschener Motive

Vom verdächtigen Online-Dater - und dem Abschied von Alwara Höfels aus dem "Tatort": In "Wer jetzt allein ist" passiert nichts, das nicht auf der Hand liegt. Von Katharina Riehl mehr ...

Bezeichnender Dialog:

Sieland und Gorniak sitzen vor ihren Laptops und versuchen, ihre Verabredungen mit den beiden Verdächtigen zu organisieren. Weil Gorniak sich dabei nicht gerade geschickt anstellt, entreißt Sieland ihr den Computer und nimmt die Sache selbst in die Hand.

Sieland: Oh, der Typ ist aber 'ne Zehn, du bist 'ne Acht.

Gorniak : Ich bin keine Acht, Henni.

Sieland: Doch, auf dem Foto bist du 'ne Acht. Du sprengst die Skala natürlich eigentlich. Aber wenn man hier 'ne Acht ist, dann braucht man Selbstvertrauen, wenn man sich an 'ne Zehn ranmacht. Also schreiben wir jetzt (Sieland gibt, während sie spricht, eine Nachricht in das Chat-Fenster der Dating-Seite ein): "Das Foto ist vielleicht ein bisschen prüde. Aber ich kann auch anders ..."

Gorniak: Wo ist denn dieses Foto jetzt bitte prüde?

Sieland: Ich kommuniziere für das Netzwerk.

Top:

Dieser Tatort will Angst einjagen und stellenweise gelingt ihm das auch. Zu Beginn sieht man Doro Meisner, wie sie den Club verlässt, die Bässe wummern noch im Hintergrund. Panisch ruft sie ihre Mitbewohnerin an, flüstert ins Telefon, dass sie sich verfolgt fühlt. Sie irrt über den Club-Parkplatz, die Kamera im Rücken. Die Mitbewohnerin versucht sie aus der Ferne zu beruhigen, lotst sie zu ihrem Auto. Meisner entgleitet ihr Schlüssel, die Musik wird immer bedrohlicher, doch endlich schafft sie es, in den Wagen zu gelangen. "Ich bin drin" seufzt sie und lacht erleichtert auf. Da öffnet jemand die Fahrertür, zerrt sie aus dem Auto und beginnt, sie zu erdrosseln. Das diffuse Bedrohungsgefühl, das diese Szene ausmacht, ist wirkungsvoll inszeniert und es blitzt noch häufiger im Verlauf von "Wer jetzt allein ist" auf. Klug kontrastiert wird es vom Comic Relief der Nebenhandlung. Die besteht daraus, dass Kommissar Schnabel als Babysitter für Gorniaks pubertierenden Sohn Aaron abgestellt wird. Eine Erfahrung, die sich für beide als nützlich erweist: Einmal mit Handschellen an den Küchentisch angekettet, lernt Aaron endlich Mathe. Und Schnabel erfährt, dass es abgesehen von Peter Alexander noch andere hörenswerte Musik gibt.

Flop:

Sieht man einmal vom Atmosphärischen und ein paar netten Gags ab, ist "Wer jetzt allein ist" ziemlich krude. Je weiter dieser Tatort fortschreitet, desto stärker hat man das Gefühl, dass er seine Figuren verrät. Die Dresdner Kommissarinnen waren einmal als kluge, schlagfertige Frauen angetreten. Warum sollten sie plötzlich so dumm sein, sich in einer Undercover-Aktion zu verrennen, deren Ergebnisse ohnehin nicht vor Gericht verwendet werden könnten? Wieso sollte ihr oberkorrekter Chef ihnen das erlauben? Und warum sollte Gorniak so naiv sein, sich auf eine Liebschaft mit einem Mann einzulassen, der Mitglied der frauenverachtenden "Vogeljäger"-Gruppe und möglicherweise ein Mörder ist? Auf all diese Fragen bietet "Wer jetzt allein ist" keine Antworten.

Erschwerend kommt hinzu, dass die beiden Verdächtigen, die Gorniak und Sieland mit ihrer Undercover-Dating-Strategie zu überlisten versuchen, zwei Klischees problematischer Männlichkeit darstellen: Da ist einmal das verschüchterte Muttersöhnchen, das keine Erfahrung mit Frauen hat und, sobald sich ihm gegenüber eine als halbwegs freundlich erweist, sexuell übergriffig wird. Und dann ist da der eiskalte Psychopath mit der schweren Kindheit (seine Mutter verließ ihn, als er acht war), der alle ermordet, die sich ihm nicht fügen wollen.

Das ist so durchtränkt von billiger Küchenpsychologie, dass es auf keinen Fall als tiefgründige Studie zweier Einzelfälle durchkommt. Etwas Allgemeingültiges über das Verhältnis zwischen Männern und Frauen scheint "Wer jetzt allein ist" aber auch nicht erzählen zu wollen (auch wenn Sieland einmal dem Muttersöhnchen sehr bestimmt den Satz "Nein heißt nein" entgegenschmettert). Schließlich müsste man ansonsten annehmen, dass vornehmlich dysfunktionale Mutter-Sohn-Beziehungen der Grund dafür sind, warum Männer Frauen quälen.

Die Pointe:

Der Psychopath ist ins Treppenhaus seiner Villa gestürzt und auf dem Parsifal-Zitat ("Zum Raum wird hier die Zeit") verblutet, das dort in den Fußboden eingelassen ist. Der Fall ist gelöst, aber Henni Sieland kann sich nicht freuen. Sie ist ungewollt schwanger und abgesehen davon möchte sie nicht mehr Polizistin sein (warum, bleibt ähnlich unklar, wie die Frage, aus welchem Grund ein Parsifal-Zitat in den Fußboden des Psychopathen eingelassen ist). In der Realität hatte Alwara Höfels erklärt, der Grund ihres Weggangs sei ein "fehlender künstlerischer Konsens". Das ist, wenn man sich die Qualität dieser Folge anguckt, durchaus verständlich. Für den Dresdner Tatort ist es freilich ein Verlust, denn Höfels ist eine tolle Schauspielerin und ihre Figur war eine der liebenswertesten im gegenwärtigen Tatort-Universum. Als Henni Sieland schließlich auf einer herbstlichen Allee in den Horizont entschwindet, blickt man ihr ähnlich traurig hinterher wie ihre Kollegin Gorniak.

Immerhin leuchtet mit der Szene eine andere Referenz aus diesem Tatort ein. Der Titel stammt nämlich aus einer Zeile des Gedichts "Herbsttag" von Rainer Maria Rilke. Die letzte Strophe geht folgendermaßen: "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr./Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,/wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben/und wird in den Alleen hin und her/unruhig wandern, wenn die Blätter treiben."

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