"Tatort" aus Bremen Am grausamsten ist immer noch die Realität

Die demenzkranke Senta Claasen (Liane Düsterhöft) ist erste Tote in diesem "Tatort". Um sie herum: Rechtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner) und die Kommissare Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen)

(Foto: Radio Bremen/Christine Schröder)

Mit erbarmungslosem Blick erzählt "Im toten Winkel" vom Pflegenotstand in Deutschland. Leider erinnert sich dieser "Tatort" irgendwann daran, dass er ein "Tatort" ist.

Von Luise Checchin

Die Erkenntnis:

Man kann so viele Splatter- oder Horror-Tatorte machen wie man will, das Grausigste ist immer noch Realität. "Im toten Winkel" erzählt vom Pflegenotstand in Deutschland, er zeigt: Menschen im Jahr 2018 zu pflegen, ist beileibe kein Vergnügen, und gepflegt zu werden erst recht nicht. Man möchte sich das alles in seiner deprimierenden Banalität eigentlich gar nicht anschauen. Man sollte es aber trotzdem tun.

Darum geht es:

"Im toten Winkel" beginnt damit, dass der Rentner Horst Claasen seine demenzkranke Frau tötet. Ihm fehlt, so stellt sich heraus, schlicht das Geld, um sich weiter um sie zu kümmern. Claasen ist nicht der einzige, der in diesem Tatort über der Pflege eines Angehörigen verzweifelt. Die Kommissare Lürsen und Stedefreund treffen bei ihren Ermittlungen auf eine Tochter, die so überfordert ist mit der Pflege ihrer Mutter, dass sie bereit ist, sich für die Einstufung in eine höhere Pflegestufe zu prostituieren. Oder auf einen jungen Familienvater, der hilflos mitansehen muss, wie schlecht ausgebildete Pflegerinnen das Leben seiner schwerbehinderten Frau gefährden. Verbunden sind sie alle durch einen korrupten Mitarbeiter des medizinischen Dienstes und einen kriminellen Pflegedienst, der die Not seiner Kunden schamlos ausnutzt.

Top:

Meisterlich wird hier Normalität inszeniert. Allein die erste Szene: Da sitzt Horst Claasen in seinem Wohnzimmer, das ganz in Rentnerbeige getaucht ist, nur das Hecheln seines Hundes ist zu hören, und man sieht Claasen an, dass er gerade dabei ist, einen furchtbaren Entschluss zu fassen. Er wuchtet sich aus seinem Sessel, geht ins Nebenzimmer, wo seine Frau friedlich im Ehebett liegt, nimmt ein Kissen und drückt es ihr ins Gesicht. Die Zuschauer sehen nun, wie Frau Claasen anfängt zu zappeln, erst mit ihren Händen, dann mit dem ganzen Körper. Sie sehen, wie viel Kraft Horst Claasen aufwenden muss, um das Kissen auf dem Gesicht seiner Frau zu halten. Und am Ende sehen sie statt einer schlafenden eine tote Frau Claasen. "Im toten Winkel", das wird schnell klar, hat nicht vor, seinem Publikum etwas zu ersparen. Immer hält die Kamera ein bisschen länger drauf, als man denkt, es ertragen zu können - ob das nun die alte, nackte Frau ist, die in der Badewanne um sich schlägt oder ein eingekotetes Bett, das die pflegende Tochter vorfindet. Genau in diesem erbarmungslosen Blick auf das Alltägliche liegt die Stärke dieses Tatorts.

Flop:

Leider verlässt sich "Im toten Winkel" nicht auf seine feine Beobachtungsgabe. Irgendwann scheint dieser Tatort sich zu erinnern, dass er ein Tatort ist und wartet dann mit der typischen Meta-Erzählung auf. Das funktioniert folgendermaßen: Man nehme einen oder mehrere Kommissare und krame etwas aus ihrem Privatleben hervor, das irgendwie zum Thema der Folge passt (in diesem Fall ist das die Beziehung zwischen Inga Lürsen und ihrer Tochter Helen). Dann denkt man sich ein paar völlig konstruiert daherkommende Dialoge (siehe unten) aus, in denen auch dem allerletzten Zuschauer das Problem (es gibt einen Pflegenotstand) und die Einordnung des Problems (der Pflegenotstand ist NICHT gut) eingehämmert wird. Das alles ist so hölzern und so überflüssig, dass es schon fast als Beleidigung des Publikumsverstands empfunden werden kann.

Bezeichnender Dialog:

Hat Horst Claasen seine Frau ermordet oder war das Ganze ein missglückter Doppelsuizid? Inga Lürsen und ihre Tochter und Kollegin Helen streiten auf der Polizeistation erst hitzig darüber, dann verfällt Lürsen in Sarkasmus:

Lürsen: So ein Doppelsuizid, wenn er denn geklappt hätte, wäre doch eigentlich ganz vernünftig. Wäre für alle Beteiligten die beste Lösung. Wenn wir das alle im entsprechenden Alter tun würden, würde das dem Staat ne Menge Kosten sparen. Und den Angehörigen die aufwendige Pflege und die lästigen Besuche im Altersheim.

Helen und Stedefreund schauen sich ungläubig an.

Lürsen: Schon mal etwas vom sozialverträglichen Frühableben gehört?

Helen: Spinnst du?

Stedefreund: Das ist nicht dein Ernst, oder?

Lürsen verlässt aufgebracht den Raum.

Die Pointe:

So völlig deprimiert will "Im toten Winkel" das Publikum dann doch nicht in den Sonntagabend entlassen. In den letzten fünf Minuten gibt es ein bisschen Zuversicht: Die Frau des jungen Familienvaters wird aus dem Krankenhaus entlassen, die überforderte Tochter findet ein Pflegeheim für ihre Mutter und Inga Lürsens Tochter verspricht der Kommissarin, sich im Alter um sie zu kümmern. Nur was mit Herrn Claasens Hund passiert, bleibt betrüblicherweise unklar.