Attentat von Charleston Teenager veräppelt "New York Times"

Die New York Times (im Bild das Redaktionsgebäude in Manhattan) steht für Qualitätsjournalismus. Es sei denn, ihre Redakteure recherchieren mittels Facebook.

(Foto: dpa)

Ein 16-Jähriger macht der Zeitung weis, der Attentäter von Charleston sei ein Fan der Serie "Mein kleines Pony". Ob er seinem Berufswunsch Journalist damit näherkommt?

Von Karoline Meta Beisel

Nach einem Amoklauf wie dem von Charleston in der vergangenen Woche, als ein junger Weißer in einer Kirche in South Carolina neun Afroamerikaner erschoss, passieren fast schon ritualartig mehrere Dinge. Politiker fordern strengere Waffengesetze, damit so etwas nicht mehr passieren kann. Andere Politiker fordern laxere Waffengesetze, damit so etwas nicht mehr passieren kann. Und ein Heer Reporter macht sich daran, in den sozialen Netzwerken so viel wie möglich über den mutmaßlichen Täter herauszufinden.

Die New York Times fand allerhand über den 21-Jährigen heraus, der wegen der Tat verhaftet wurde. Dass er 88 Facebook-Freunde hat. Dass er ein T-Shirt mit der Nummer 88, Code für die Worte "Heil Hitler", besitzt. Und dass er in einem Blog Artikel über die Zeichentrickserie Mein Kleines Pony verfasste, dass er also ein sogenannter "Brony" war: ein männlicher Fan der doch sehr regenbogenlastigen Kinderserie.

Blöd nur: Zumindest das mit den Ponys stimmt nicht. Der 16-jährige Benjamin Wareing aus England hatte der mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Reporterin Frances Robles absichtlich eine falsche Information untergejubelt.

Die Reporterin hatte nach dem Attentat Facebook-Freunde des mutmaßlichen Täters kontaktiert, darunter auch einen Bekannten des Bloggers Benjamin Wareing. Der Teenager, der auf seiner Webseite schreibt, dass er ein "weltberühmter Journalist" werden will, sah seine Chance gekommen, sich wenn schon nicht als Journalist, dann wenigstens als Falschmeldungsverbreiter einen Namen zu machen - und berichtete der Reporterin von einem angeblichen Tumblr-Blog des Attentäters, in dem dieser unter anderem über Mein Kleines Pony gepostet hätte.

Stolzer Blogger

Die Reporterin verwendete die Information in ihrem Artikel - und noch am selben Tag verkündete der Blogger stolz, wie leicht es gewesen sei, die altehrwürdige Times zu foppen.

Bei der Zeitung reagierte man prompt, entfernte die Passage und fügte einen Hinweis über den Fehler hinzu. Die Autorin äußerte sich über Twitter: An einem Tag, an dem sich das Netz über sie lustig mache, denke sie vor allem daran, dass neun Menschen gestorben seien, nur weil sie schwarz waren.

Und Wareing? Betont erneut, wie gern er Journalist werden möchte - auch wenn es mit einem Job bei der Times jetzt vermutlich eher schwer werden dürfte.