Surfermagazin "Waves & Woods" Jenseits vom Surferklischee

Die Abenteuer, von denen Waves & Woods berichtet, finden in dicken Neoprenanzügen in Alaska oder auf den Lofoten im tiefsten Norwegen statt.

(Foto: Lars Jacobsen)

Das Surfen hat vielen Orten den Zauber genommen, sagt Lars Jacobsen. Sein Magazin "Waves & Woods" sucht seine Geschichten deshalb an stürmischen Küsten. Dort, wo der Surfmassentourismus nicht hin will.

Von Marc Baumann

Den Weg zum Meer versperren nur zwei Reißverschlüsse. Der erste öffnet den Schlafsack, der zweite das Zelt, dahinter liegt: ein einsamer Strand, an dem ein Geländewagen parkt, auf dem Dach sind Surfbretter festgeschnallt. Die Sonne geht auf, die Wellen sehen gut aus, aber erst mal Kaffee aufbrühen, warm werden, hier in der Wildnis. So beginnen die Tage im Magazin Waves & Woods. Und wenn als Leser der eigene Tag in der Großstadt beginnt, mit Straßenlärm, Berufsverkehr und Morgenkonferenz, dann hat man nach dem Durchblättern der 129 Magazinseiten mindestens leichtes Fernweh. Schlimmstenfalls, vielleicht auch bestenfalls, kündigt man am selben Tag und sucht im Keller den alten Schlafsack.

Der Mann, der einem diese Aussteigergedanken einbrockt, hat lange Haare, meistens eine Baseballkappe auf und sieht immer ein bisschen so aus, als ob er gerade aus einem Schlafsack gekrochen ist. Zum Selbersurfen und -reisen kommt Lars Jacobsen, 36, aber gerade nicht so oft, er hat im Januar den Waves & Woods-Verlag gegründet, beim gleichnamigen Magazin ist er Herausgeber, auch Chefredakteur, zudem Anzeigenleiter, zugleich Fotograf und manchmal Autor. Vater ist er vorige Woche auch noch geworden.

Magazingründer Lars Jacobsen sieht immer ein bisschen aus, als wäre er gerade aus einem Schlafsack gekrochen.

(Foto: Klaas Voget)

Im März, nach nur drei Monaten Produktionszeit, erschien die erste Ausgabe, das ist enorm wenig Zeit im Printgeschäft, gerade kommt Ausgabe vier an den Kiosk, Auflage 12 000 Hefte. "Es läuft ganz gut", sagt Jacobsen, Anzeigenerlöse und Heftverkäufe finanzieren Druck und Arbeitskosten. Er wird nicht reich, aber auch nicht nervös, wenn er daran denkt, dass er mit bedrucktem Papier im Jahr 2017 und folgende eine Familie ernähren muss.

Jacobsen glaubt, dass Surfen am besten auf Wasser und Papier funktioniert

Von Surfmagazinen müsste Jacobsen eigentlich die Schnauze voll haben, so deftig darf man das schreiben - er war Chefredakteur von zwei Magazinen, das erste wurde eingestellt, beim zweiten ging er freiwillig. Jacobsen hat erlebt, wie hart man um Auflagen und Werbegelder kämpfen muss, und er weiß, dass viele Surfer lieber Bewegtbild sehen als gedruckte Fotos. Die World Surf League streamt jeden Wettbewerb live im Internet, zwei Stunden später stehen die besten Tricks und die Sieger auf Surfwebseiten, da braucht man einen Monat später nicht mehr am Kiosk mit werben. Trotzdem glaubt Lars Jacobsen, dass Surfen am besten auf Wasser und Papier funktioniert. Nur eben ganz anders.

Das Surferklischee sieht in etwa so aus: Hawaii, ewiger Sommer, Strände voller Partys, wo niemand mehr Kleidung als Boardshorts und Bikini braucht. Die Abenteuer, von denen Waves & Woods berichtet, finden fast immer in entlegenen Gebieten statt: im kalten Norden, wo man dicke Neoprenanzüge trägt, Holzfällerhemden, Mützen - und ein Pfefferspray gegen Bären nie schaden kann. In Alaska, auf den Lofoten im tiefsten Norwegen oder auf den Färöer-Inseln. Der klassische Erzählstrang einer Waves & Woods-Geschichte geht so: beschwerliche Anreise, Enttäuschung, weil es keine erhofften Wellen oder zu viel Sturm gibt, den Regen abwarten, zäh sein, und am Ende doch noch die Belohnung, die besten Wellen, die man an diesem Strand seit Monaten gesehen hat. Wer so viel Zeit für die Suche nach guten Wellen hat, der meint es ernst, der hat echte Entdeckergene und Nehmerqualitäten.

Die bekommt man vielleicht, wenn man wie Lars Jacobsen in Göttingen in den 1980er-Jahren aufgewachsen ist, er wollte als Teenager schon auswandern, nichts gegen Göttingen, schöne kleine Stadt, aber als Wellenreiter hält man es nicht aus. Er hat auch mal eine Woche Schule geschwänzt, um nach Lanzarote zu kommen. Jacobsen hat Ozeanografie studiert, "das klang so gut, nach einem Leben am Meer", war dann aber doch viel mehr Physik und Mathe, da ließ er es sein. 1998 macht er sein erstes Praktikum bei einem Surfmagazin.

Jacobsens Magazin erzählt nicht nur vom Surfen, sondern auch vom Leben als Küsten-Weltreise im VW-Bus.

(Foto: Lars Jacobsen)

So wie in Waves & Woods waren Surfreisen früher: Fahrten ins Ungewisse, voller Hoffnung auf unentdeckte Wellen und mit unerwarteten Hindernissen. Die meisten Surfer reisen heute anders: mit dem Ferienflieger nach Indonesien oder auf die Malediven, wo es 365 Tage im Jahr gute Wellen gibt. Ein Surfcamp mit Wlan direkt am Strand, warmem Wasser und abends Büffet. Darüber muss ein Magazin nicht berichten, da muss man keinen teuren Fotografen hinschicken, da laden die Surfer jeden Tag genug auf Instagram hoch. Das Surfen hat vielen Orten seinen Zauber genommen, weil sich zu viel Geld damit verdienen lässt. Darum sucht Jacobsen seine Geschichten an stürmischen Küsten, wo der Surfmassentourismus nicht hinwill.

Neben dem Surfen geht es in Waves & Woods immer mehr auch ums "Van life", wie man sagt, also das Lebensgefühl von Menschen, die oft oder immer im VW-Bus durch die Welt reisen, wenn möglich die Küste entlang. Deren Leben zeigt Jacobsen im "größten Printformat, dass man irgendwie noch an den Kiosk kriegt". Es gibt lange Bildstrecken, doppelseitige Aufmacherfotos, ein sehr ruhiges Layout mit viel Freiräumen und lange Lesestücke. Also all das, was gedruckt einfach besser aussieht als auf einem Handy. Trotzdem kennt man die Bilder aus dem Fernsehen und vom Handy - von Werbefilmen für Sparkassen oder Autohersteller, die den Traum vom Aussteigen und Surfen für sich entdeckt haben und die vermeintlich passende Ausrüstung (Bausparvertrag, SUV) anbieten. Das Magazin Der Spiegel hat gerade erst über den Trend "Van life" berichtet und Paare vorgestellt, die im Van leben und sich per Instagram-Folgschaft finanzieren.

"Ein bisschen hilft uns das ja vielleicht", glaubt Lars Jacobsen, je mehr Menschen von so einem Leben träumen, desto mehr Leser könnte er erreichen, "wir dürfen nur das Klischee nicht zu weit bedienen, wir müssen authentisch bleiben." Die Nähe zum Kommerz fürchtet Jacobsen nicht, er hat bei einem früheren Surfmagazin zwei Mal eine Kooperation mit Germany's Next Topmodel gehabt: Drei Models durften Surfbretter durch die Gegend tragen, und er hat sie fotografiert, dafür war die Modestrecke dann in seinem kleinen Surfmagazin, und Pro Sieben hat zur besten Sendezeit drauf hingewiesen, es waren die am besten verkauften Auflagen.

Der harte Kern der deutschsprachigen Surfszene, Jacobsens wichtigste Kundschaft, verzeiht ihm das, seine Kontakte sind zu gut und er ist zu lange dabei, um wegen so einer Aktion nicht mehr ernst genommen zu werden. "Bis zu 200 Tage im Jahr bin ich unterwegs", sagt Jacobsen. Darum ist es nicht so leicht, ein Treffen mit ihm auszumachen, bis er mal ein paar Stunden Zeit findet, "gerne nahe des Flughafens". Mal sehen, wie viele Reisen das Baby noch zulässt. "Ich bin rausgewachsen aus dem früheren Surfleben", sagt er. "Mit dem Alter will man nicht mehr über jeden Surffilm oder neuen Trick reden, sondern lieber mit Freunden und der Familie in der Wildnis am Lagerfeuer sitzen." Oder zumindest auf dem Sofa davon lesen.

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