Studiobesuch Denkangebot aus Saal 101

Beim Bayerischen Rundfunk entsteht ein Hörspiel zum NSU-Prozess, schon während der läuft. "Saal 101" soll das Verfahren erklären, indem Mechanismen und Machtverhältnisse offengelegt werden.

Von Stefan Fischer

Ulrich Lampen dirigiert, wenn er ein Hörspiel inszeniert. Die linke Hand kreist dabei durch die Luft; weniger um in diesem Fall Martina Gedeck durch die Glasscheibe hindurch anzuleiten im Tonstudio 10 des Bayerischen Rundfunks als vielmehr, um zu erspüren, ob Tonfall und Satzmelodie seinen Wünschen entsprechen. Es geht in Gedecks Text um Pistolen, darunter osteuropäische Fabrikate, deren Namen nicht einfach auszusprechen sind.

Es sind die Waffen, mit denen die Attentäter des NSU gemordet haben.

Lampen inszeniert Saal 101 über den NSU-Prozess. Fertig produziert und gesendet wird das nach dem Sitzungssaal im Münchner Oberlandesgericht benannte, auf zwölf Stunden angelegte Hörspiel aber erst nach den Urteilen. Alles sei nur "vorläufig definitiv, wie es bei Robert Musil heißt", sagt BR-Hörspielredakteurin Katarina Agathos. Das sei der richtige Weg: "Man wächst anders hinein ins Thema, als wenn man im Nachhinein aus dem Material ein Stück entwickeln würde."

Das Material sind die Mitschriften und Unterlagen der rund 20 ARD-Prozessberichterstatter. Tausende Seiten. Sie lagern im Schallarchiv des inhaltlich und dramaturgisch betreuenden BR. Die Hörspielredaktion kooperiert dafür eng mit der Redaktion Politik und Hintergrund. Gesendet werden soll die Koproduktion der gesamten ARD am Stück, ARD-weit an den selben ein oder zwei Tagen. Für Agathos ist es " ein großes Denk- und Informationsangebot". "Und wir beschreiben die Komplexität dieses Gerichtsverfahrens nicht nur, sondern zeigen sie", sagt Lampen. Darin sieht er "einen großen Unterschied" zu Zeitungs- oder Buchpublikationen.

Man will die Illusion vermeiden, der Hörer sei selbst bei Gericht

Niemand wird die Angeklagte spielen in Saal 101, niemand den Vorsitzenden Richter. Es soll nicht die Illusion erzeugt werden, der Hörer sei selbst im Gerichtssaal. Stattdessen treten acht Schauspieler als Berichterstatter auf: Martina Gedeck, Katja Bürkle, Bibiana Beglau, Barbara Nüsse, Thomas Schmauser, Michael Rotschopf, Florian Fischer und Thomas Thieme. Sie übertragen das Gesprochene, Protokollierte und Stenografierte zurück ins Mündliche - ohne "eine Psychologie, eine Innenwelt oder eine Emotion" zu behaupten, wie Regisseur Lampen sagt.

Saal 101 wird kein Zschäpe-Hörspiel, sondern eines über das NSU-Verfahren. Wo nötig, ziehen Wissenschaftler, Terrorismus-Fachleute und Gerichtsreporter in kurzen Exkursen aus den Aussagen Schlüsse. Die beiden wichtigsten ARD-Berichterstatter Tim Aßmann (BR) und Holger Schmidt (SWR) werden als Experten zu hören sein, sie sind wichtige Berater für Agathos und Lampen. Naturgemäß wird es auch um die Rolle von Öffentlichkeit und Medien gehen, um Rechtsstaatlichkeit - "und ganz stark auch um Inszenierung", sagt Katarina Agathos. Ein Strafprozess hat immer auch theatrale Züge.

Warum gerade das Hörspiel das richtige Genre für solch eine dokumentarische Arbeit ist? "Das Hörspiel ist das geschichtsbewussteste Genre des Radios, es baut ein Repertoire auf und pflegt es", sagt Redakteurin Agathos. "Und es hat eine hohe erzählerische Kompetenz." Die gefragt ist aufgrund der vielen journalistischen Perspektiven auf das Verfahren.

Saal 101 wird nicht chronologisch erzählen, sondern sortiert nach Themen. Es geht darum, die Mechanismen und Machtverhältnisse aufzuzeigen. Zu begreifen, warum manches so läuft, wie es läuft. Zum Beispiel, warum der Prozess große Lücken aufweist. Denn vieles im Zusammenhang mit dem NSU wird gar nicht verhandelt, kann vielleicht auch gar nicht bewältigt werden, wenn der Prozess sich nicht selbst sprengen will.