Studie zur NSU-Berichterstattung Verloren im Vorurteil

  • Im Fall NSU hat nicht nur der Staat versagt, sondern auch die Medien.
  • Eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung zeigt, wie das Wort "Döner-Morde" die Runde machte.
  • Der Berichterstattung hätte zudem die nötige kritische Distanz gefehlt.
Von Tanjev Schultz

Die NSU-Terroristen haben Zeitungsartikel über ihre Anschläge gesammelt und ein kleines Archiv angelegt. Seine Überreste wurden später in der Wohnung der Neonazis in Zwickau gefunden. Die Terroristen montierten auch einige Schlagzeilen in ihre Bekennervideos, zum Beispiel: "38-Jähriger in seinem Laden erschossen" (SZ) oder "Rätsel um Morde" (Nürnberger Nachrichten). Den Tätern gefiel es wohl, dass die Öffentlichkeit jahrelang im Dunkeln tappte.

Die Polizei kam nicht auf die richtige Spur, und so spekulierten die Journalisten darüber, wer hinter den Morden an neun Migranten stecken konnte. An Neonazis dachte kaum jemand. Eine akribische Studie der Otto-Brenner-Stiftung zeigt: Nicht nur der Staat hat in diesem Fall versagt, sondern auch die Medien.

Beschämend für die Branche ist, wie der unpassende, zynische Begriff "Döner-Morde" die Runde machte. Erstmals tauchte er 2005 in der Nürnberger Zeitung auf, später stand er fast überall. In Bild und Welt, FAZ und SZ. Beschämend ist zudem, wie willfährig Journalisten den Irrwegen der Ermittler folgten und sie dazu beitrugen, die Opfer und deren Familien in eine kriminelle Ecke zu rücken. Statt an einen rechtsextremistischen Hintergrund glaubte man auch in den Redaktionen lieber an eine mysteriöse ausländische Bande mit einem rigiden Ehrenkodex; an Geldwäscher und Schutzgelderpresser, Wettpaten und Drogenhändler.

Vermutete Verbindungen zur organisierten Kriminalität

"Nur vereinzelt" und vorwiegend in der regionalen Berichterstattung sei den Opfern und ihren Angehörigen Empathie entgegengebracht worden, heißt es in der Studie, die an diesem Samstag erscheint. Aus vermuteten Verbindungen zur organisierten Kriminalität seien häufig Tatsachenbehauptungen gemacht worden. Vor Entdecken des NSU seien die Beiträge aufgeladen gewesen mit Spekulationen über angebliche türkische "Parallelwelten" , in denen eine "Mauer des Schweigens" die Arbeit der Polizei erschwere.

Die Studie beruht auf einer Analyse von rund 300 Artikeln, die zwischen September 2000 (dem ersten Mord) und November 2011 (als der NSU entdeckt wurde) erschienen sind. Ergänzend wurden Interviews mit Journalisten geführt. Geleitet wurde die Untersuchung vom Rechtsextremismus-Forscher Fabian Virchow und den Medienwissenschaftlerinnen Tanja Thomas und Elke Grittmann.

Zum Material gehörten auch türkischsprachige Tageszeitungen wie Sabah und Hürriyet. Ihre Berichte ähnelten denen in deutschsprachigen Zeitungen, sie enthielten aber seltener das Unwort "Döner-Mord". Und sie fragten zumindest im Jahr 2006 häufiger nach einem rechtsradikalen Hintergrund. Doch insgesamt, so das Ergebnis, hätten deutsch- und türkischsprachige Medien die Täter in der organisierten Kriminalität vermutet, trotz fehlender Hinweise.

Die Otto-Brenner-Stiftung spricht von einem "bitteren Befund". Medien hätten zur Ausgrenzung der Opfer beigetragen und Angehörige stigmatisiert. Die Berichterstattung sei "der Logik und den Deutungsmustern der Ermittlungsbehörden" gefolgt- ohne die nötige kritische Distanz.

Das Protokoll des zweiten Jahres

Im zweiten Jahr des Münchner NSU-Prozesses ging es vor allem um die Anfänge und die Unterstützer der rechten Terrorgruppe. Unsere Reporter haben alles, was im Gerichtssaal gesagt wurde, auf über 900 Seiten protokolliert. Wir dokumentieren die wichtigsten Zeugenaussagen und Wortwechsel des Prozesses im Wortlaut. mehr ... SZ-Magazin

Eine Demonstration der Opferfamilien im Jahr 2006 blieb weitgehend unbeachtet. In der taz fand sich immerhin ein Bericht, in dem ein Mitglied eines Alevitischen Kulturvereins zitiert wurde: "Alle Opfer sind Migranten. Da ist doch ein rechtsextremistischer Hintergrund sehr einleuchtend." Damals begann man auch bei der Polizei, ernsthaft in diese Richtung zu denken. Eine entsprechende Profiler-Analyse war jedoch intern umstritten und wurde nach außen nicht offensiv vertreten. Die Behörden verfolgten eine - sogar schriftlich ausgearbeitete - "Medienstrategie". Die vermutete rechtsradikale Gesinnung der Täter sollte "nur am Rande, und wenn, dann nur auf Rückfragen" thematisiert werden, beruhigten die Kommissare das bayerische Innenministerium.

Rückfragen? Hatten die Journalisten gar nicht unbedingt. Sie lobten lieber den Fleiß der Ermittler. Und schon nach kurzer Zeit wurde fleißig weiter in die falsche Richtung spekuliert.